«Improvise. Adapt. Overcome» («Improvisiert. Passt euch an. Überwindet die Krise»): So klar und deutlich wie an der neun Meter hohen Grenzmauer, die das palästinensische Bethlehem von Israel trennt, findet man das Überlebensmotto der Palästinenser kaum irgendwo ausformuliert. Noch klarer und knapper ist nur der arabische Begriff, mit dem die Palästinenser ihren stoischen Umgang mit den schwierigen Lebensumständen in ihrer Heimat beschreiben: «Sumuud», sagen die Bewohner Bethlehems auf Arabisch, wenn man sie danach fragt, wie sie mit der seit dem Sechstagekrieg von 1967 anhaltenden Besetzung ihres Landes durch die israelische Armee umgehen.

«Sumuud» hat die Palästinenser mehr schlecht als recht durch die vergangenen Jahre getragen. Zu organisierter Gewalt kam es nach dem Ende der zweiten Intifada im Jahr 2005 kaum noch. Jetzt aber könnte sich das schlagartig ändern. US-Präsident Donald Trumps Ankündigung, Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israels anzuerkennen, hat am Mittwoch Schockwellen durch den Nahen Osten gesendet. Die Palästinenser, die Ost-Jerusalem als zukünftige Hauptstadt ihres eigenen Staates erachten, fühlen sich vom vermeintlichen Partner USA verraten. Ihre Hoffnung auf eine unabhängige Zukunft sehen viele zerstört. Der Aufruf zu einer neuen «Intifada» – dem organisierten Widerstand gegen die israelische Besatzungsmacht –, den der Hamas-Vorsitzende Ismail Haniyya am Donnerstag machte, war nur die logische Konsequenz auf die Provokation aus Übersee.

Neue Intifada kaum wahrscheinlich

Nach den Freitagsgebeten kam es in mehreren palästinensischen Gebieten zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Palästinensern und der israelischen Armee. Im Gazastrafen wurden zwei demonstrierende Palästinenser von israelischen Soldaten erschossen. Palästinenserpräsident Abbas sagte ein geplantes Treffen mit US-Vizepräsident Mike Pence aus Protest ab.

Internationale Beobachter blicken besorgt auf die Entwicklungen im «Heiligen Land», mehrere europäische Länder (darunter die Schweiz) haben ihre Reisehinweise für die Region angepasst und warnen seit Freitag vor Trips in die palästinensischen Gebiete. Dass die von der Hamas geforderte dritte Intifada aber wirklich kommt, wünscht sich nur ein kleiner Teil der Palästinenser. Ahmad Dawabshe (51)*, der im Grossraum Nablus lebt und bei der ersten Intifada 1987 selber als Kämpfer gegen die israelische Besatzung auf die Strasse ging, winkt ab, als ihn die «Schweiz am Wochenende» am Freitag am Telefon fragte, ob er Angst vor erneuten Gewaltausbrüchen habe. «Eine Intifada wie 1987 wird es nicht geben. Wir sind uns der Risiken eines solchen Aufstands heute viel bewusster und wissen, dass wir die uns verbliebene, kleine Freiheit damit aufs Spiel setzen würden.»

Dawabshe glaubt aber, dass es über die kommenden Wochen vermehrt zu gewalttätigen Einzelaktionen kommen wird. Einen organisierten Aufstand mit von der Hamas oder anderen radikalen Gruppierungen geplanten Grossaktionen sei hingegen praktisch ausgeschlossen. «Nicht nur die absolute israelische Überwachung, sondern auch die Palästinensische Autonomiebehörde, die unser Gebiet verwaltet, hat daran kein Interesse und würde einen breiten Volksaufstand verhindern», sagt Dawabsheh.

Ähnlich sieht das Muriel Asseburg von der Forschungsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. «Bislang hat die palästinensische Führung kein Interesse daran gehabt, dass es zu einer dritten Intifada kommt. Schliesslich ist ein solcher Aufstand schwer zu kontrollieren und könnte sich schnell auch gegen den Präsidenten und die palästinensische Autonomiebehörde wenden», sagt Asseburg. Allerdings sieht sie die Gefahr für einen Aufstand derzeit wachsen. «Je weniger Aussicht auf eine friedliche Konfliktregelung besteht, desto mehr steigt die Gefahr einer Eskalation.»

Eskaliert ist die Situation vor genau 30 Jahren. Am 9. Dezember 1987 brach im Norden des palästinensischen Gaza-Streifens die erste Intifada aus (siehe Zeitstrahl unten). Die ein Jahr zuvor gegründete Hamas machte sich die Volksaufstände zunutze und peitschte die Palästinenser zu immer neuen Gewalttaten gegen die israelische Besatzungsmacht auf. Neben den Molotowcocktail- und Steinwerf-Attacken versuchten die Palästinenser aber auch mit friedlichen Mitteln zu agieren, boykottierten israelische Güter und hissten die verbotene palästinensische Flagge.

Rechtswidrige Knochenbrecher

Israel reagierte mit einer von Verteidigungsminister Jitzhack Rabin angeordneten Strategie der «Macht, Kraft und Prügel». Häuser wurden zerstört, Gefangenen mit gezielten Knochenbrech-Aktionen die Kräfte für weiteren Widerstand geraubt. Die UNO verurteilte diese Massnahmen 1988 als Kriegsverbrechen. Rund 600 Palästinenser und 18 Israelis kamen bei den bis 1995 andauernden Kämpfen ums Leben, fast 15'000 Menschen wurden verletzt.

Noch höher war der Blutzoll bei der zweiten Intifada, die mit dem provokativen Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Jerusalemer Tempelberg am 28. September 2000 begonnen hatte und bis 2005 andauerte. In insgesamt 138 Selbstmordattentaten (die Mehrheit davon verübt von der radikalen Hamas) kamen Hunderte Zivilisten ums Leben. Israel reagierte mit heftigen Militärschlägen, u.a. auf die Stadt Jenin im April 2002. Gleichzeitig belagerte Israel für 39 Tage die Geburtskirche in Bethlehem. Angeblich als Schutzmassnahme begann Israel unter dem zum Ministerpräsidenten gewählten Ariel Sharon im Juni 2002 mit dem Bau des heute über 700 Kilometer langen «Schutzwalls» an der Grenze zum Westjordanland.

Wenn Ahmad Dawbshe heute aus der Ferne auf diesen «Schutzwall» schaut, macht ihn der Anblick traurig, wütend und vor allem ohnmächtig. «Bei der ersten Intifada 1987 war ich 21 und habe gekämpft, weil ich glaubte, wir seien unschlagbar. Heute weiss ich: Der gewaltsame Kampf bringt nichts. Wir haben sowieso keine Chance.»

* Name der Redaktion bekannt