Michel Houellebecq

Hat Frankreichs Skandalautor die Gelbwesten prophezeit?

Am 24. November setzten die Gelbwesten eine Barrikade in Brand. Houllebeqc hat das literarisch vorweggenommen.

Am 24. November setzten die Gelbwesten eine Barrikade in Brand. Houllebeqc hat das literarisch vorweggenommen.

Hat der Autor Michel Houellebecq nach einem Terroranschlag und dem Islamismus auch die Revolte der «gilets jaunes» in Frankreich vorhergesagt?

Schreiben kann er teuflisch gut. Doch hat Michel Houellebecq, der preisgekrönte Skandalautor der französischen Literatur, auch seherische Qualitäten? 2001 schrieb er in «Plattform» über einen Terroranschlag auf ein fernöstliches Ferienparadies; ein Jahr später forderte ein Attentat in Bali mehr als 200 Menschenleben. 2015 erschien «Unterwerfung» über den Vormarsch der Islamisten in Frankreich – just am Tag vor dem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo».

In seinem neuen Roman «Serotonin» beschreibt Houellebecq eine Verkehrsblockade, wie sie die Gelbwesten seit November inszenieren. Den Text des Buches hatte er schon im September abgeliefert und seither nicht mehr modifiziert. Damals sprach noch niemand von den «gilets jaunes».

Michel Houellebecq.

  

«Serotonin» beschreibt ausführlich, wie die französische Landbevölkerung verelendet. «Von Zeit zu Zeit schliessen sie eine Fabrik; sie verlegen eine Produktionseinheit, entlassen an die 70 Arbeiter.» Jedes Jahr gingen Hunderte von Landwirten bankrott, erzählt die Hauptfigur Florent-Claude in dem Roman. Sie jagten sich entweder eine Kugel in den Kopf oder gingen auf die Strasse. «Sie ziehen einen Streik auf, verbrennen Reifen», erzählt Houellebecqs Alter Ego. Auf der Normandie-Autobahn A13 sperrt eine Gruppe verzweifelter Landwirte die Fahrtrichtung Paris. Bauern nehmen die CRS-Bereitschaftspolizei aufs Korn. Die gerät in Panik, schiesst scharf. Zehn Protestierende und ein Polizist lassen ihr Leben.

Das Echo eilt dem Ereignis voraus

Houellebecq liegt nicht weit neben der Wirklichkeit: Auf den Strassensperren der «gilets jaunes» sind bisher zehn Menschen gestorben. Auch wenn daran nicht die CRS schuld waren, sondern meist Verkehrsunfälle, meint die Pariser Zeitung «Libération», Houellebecq habe die Ereignisse der letzten Woche «antizipiert, wenn nicht vorhergesagt.» Die Radiostation France-Info nennt ihn einen «Visionär», die Zeitschrift «Valeurs actuelles» spricht von einem «Houellebecq-Roman über das Frankreich der Gelbwesten». Auch «Le Figaro» sieht in dem 350-seitigen Werk ein «Echo der Gelbwesten».

Bloss: Kann das Echo dem Ereignis vorausgehen? Die Antwort ist im Fall des Michel H. weniger eindeutig, als es scheint. Die Krise der Gelbwesten ist zwar im Herbst ausgebrochen; ihre Wurzeln hat sie aber in einem langsamen Niedergang, genauer gesagt in der Verarmung der unteren Mittelschicht an Frankreichs Stadträndern und im weiten Land. Deshalb ist es auch wenig erheblich, dass die «Gelbwesten» effektiv aus Gewerbetreibenden und kleinen Angestellten bestehen, kaum aber aus Landwirten: Es ist die gleiche Kernbevölkerung Frankreichs, es sind die gleichen Verlierer der Globalisierung, die wütend ist auf die Pariser Eliten, Medien und auf Emmanuel Macron.

Eine Erklärung: Bevor Houellebeqc zum Starautor avancierte, hatte er sich zum Diplomagronomen ausbilden lassen; danach lebte er in Irland wie Andalusien, wo er die Agrarmisere Westeuropas kennen lernte. In «Serotonin» macht er dafür die Marktliberalisierung im Allgemeinen und die europäischen Milchpreis-Direktiven im Speziellen verantwortlich. Und selbst diese brutale Flurbereinigung mit Hofkonkursen und Selbstmorden werde keine Abhilfe schaffen, meint der 60-Jährige: «Wir werden dann nur die endgültige Niederlage erleiden, weil wir dann im direkten Kontakt mit dem Weltmarkt stehen und die globale Produktionsschlacht sicher nicht gewinnen.»

Er ist nun mal sein Thema

Das sind deprimierende Worte, wie üblich bei Houellebecq. Sein Spiegelbild Florent-Claude – selber Agronom – schluckt Antidepressiva mit dem «Glückshormon» Serotonin. Seine Tristesse ist die der Normandie: Dorthin flüchtet sich der Romanheld ganz unheroisch vor seiner sextollen japanischen Freundin Yuzu (während Houellebecq im September real die Chinesin Lysis heiratete, als er seinen neusten Roman fertiggestellt hatte). Florent-Claude trinkt zu viel, er hasst die Schwulen und die Holländer und trauert einer verblichenen Liebe nach. Nicht einmal mehr Sex hilft ihm gegen die Depression.

Die französischen Kritiker feiern seinen neusten Streich als seinen traurigsten, teilweise auch als seinen besten. «Le Monde» meint, das Enfant Terrible finde endlich zur Literatur zurück. Erstaunlicher ist allerdings, dass niemand die Widersprüche seiner Politexkurse in Romanform hervorhebt: So geisselt er die amerikanischen Agrarexporte, hält aber Donald Trump – der sich für diese Exporte starkmacht – für «einen der besten US-Präsidenten», wie er Mitte Dezember sagte. «Aber ich verirre mich», meint Houellebecq luzid, wie er ist: «Kehren wir zu mir zurück. Nicht weil dieses Thema speziell interessant wäre. Aber es ist nun mal mein Thema.»

«Serotonin» erscheint auf Französisch am 4. Januar, auf Deutsch drei Tage später. Die zitierten Passagen sind der französischen Version entnommen.

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