Das Café «Humboldt» ist gut gefüllt. Fast ausschliesslich Studentinnen und Studenten haben sich hier am Rande der Greifswalder Altstadt zum Lunch eingefunden. Als Patrick Dahlemann das Lokal betritt, gucken sie kurz herüber. Man kennt den jungen Mann in Greifswald. Nicht nur, weil er hier studiert. Man kennt ihn nämlich inzwischen in ganz Deutschland.

Der 25-jährige Patrick Dahlemann hat es dank einem couragierten Auftritt an einer NPD-Veranstaltung zu nationaler Berühmtheit gebracht. Und immer wieder bitten ausländische Medien den jungen Politiker um ein Interview. Sie alle wollen über einen Mann berichten, der es schaffte, der rechtsextremen NPD couragiert die Stirn zu bieten. Und der es innerhalb weniger Wochen mit einem einfachen Film auf fast 200 000 Klicks bei Youtube brachte.

Rückblende: Es ist der 31. Juli 2013. Etwa 20 bis 30 Rechtsextreme demonstrieren in der 18 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern gegen ein geplantes Asylbewerberzentrum. Die NPD, im Mecklenburger Landtag mit fünf Abgeordneten vertreten, hat unter dem Slogan «Asylflut stoppen» zu der Kundgebung aufgerufen. Am Rande der Veranstaltung hält sich in einer Gruppe Gegendemonstranten Patrick Dahlemann auf, der SPD-Stadtratsabgeordnete von Torgelow.

Plötzlich bittet der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köstner den Jungpolitiker ans Rednerpult. Köstner geht davon aus, dass der junge Mann kneifen oder sich wenigstens blamieren wird. Er täuscht sich: Trotz grosser Nervosität tritt Dahlemann ans Rednerpult; fünf Minuten spricht er frei, redet die Rechtsextremen an die Wand, pariert ihre sämtlichen ausländerfeindlichen Argumente.

«Bitte fallen Sie nicht darauf rein, was Ihnen die aus dem ganzen Land eingeflogenen Neonazis hier zu sagen haben», ruft er in die Menge. Pfiffe ertönen; «halts maul!», ruft einer. Dahlemann fährt fort, redet über die Asylbewerber, die in ein leerstehendes Haus einziehen sollen. «Das sind Menschen, die freiwillig bereit sind, ihre Heimat zu verlassen. Weil sie Angst um ihr Leben haben!»

Patrick Dahlemann: Reaktion auf das «offene Mikro» der NPD

Guter Redner mit Selbstvertrauen

«Logisch hatte ich ein mulmiges Gefühl», erzählt Dahlemannjetzt im «Humboldt». Doch kaum stand der 25-jährige Politikstudent auf dem kleinen Rednerpult, fühlte er sich stark. «Ich wusste: Wenn sie mir das Mikrofon abstellen, fahren sie eine richtige Klatsche ein.»

Dahlemann redet frisch von der Leber weg. Man spürt den Politiker in ihm. Einige Stichworte reichen, und schon bricht es aus ihm heraus. «Ich habe zu meinen Leuten aus Torgelow gesprochen, nicht zu den Nazis», sagt er. Und: «Meine Botschaft war klar: Wir dürfen den Nazis nicht die Deutungshoheit in Ausländerfragen überlassen.»

Weil Dahlemann nicht nur ein feiner Rhetoriker ist, sondern auch noch über ein gesundes Selbstvertrauen verfügt, merkt er an: «Mit meiner Rede habe ich denen den Riegel geschoben, und zwar definitiv.»

Die NPD stellte das Videomaterial im August auf Youtube. Ungeschnitten, ungekürzt. «Dass die so bescheuert waren, und die Rede 1:1 ins Netz stellen, war mein grosses Glück», sagt Dahlemann zufrieden lächelnd.

Der Student nutzte auch die zweite Chance: Er fertigte eine neue, kommentierte Version des Videos an, in dem er Behauptungen des NPD-Landesvorsitzenden Stefan Köstner mit Fakten widerlegte. Sogar der zuständige Polizeidirektor Gunnar Mächler widerspricht den Darstellungen der Rechtsextremen, wonach die Kriminalität zu steigen drohe, wenn Asylbewerber in die Kommunen ziehen.

Dahlemann stellte das Video erst zu Beginn dieses Jahres online. «Ich wollte zuerst die Bundestagswahlen verstreichen lassen. Das Thema ist zu wichtig, es darf damit kein Wahlkampf betrieben werden.» SPD-Aussenminister Frank-Walter Steinmeier war von dem Youtube-Filmchen derart begeistert, dass er es auf seiner Facebook-Seite teilte. Danach wurde der Film zum Youtube-Hit.

Film erst gesperrt, jetzt wieder frei

Die Asylbewerber haben ihre Unterkunft im Dezember bezogen. Probleme mit den Anwohnern gab keine. Dahlemann, der bereits mit 16 Jahren der SPD beigetreten ist, weiss, dass sein Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und die NPD noch lange nicht vorüber ist.

Gerade in Mecklenburg-Vorpommern ist die rechtsextreme Partei vergleichsweise stark. Die strukturschwache Region weist eine der höchsten Arbeitslosenraten Deutschlands auf; der Wanderungsverlust in die westlichen Bundesländer war nach der Wende gewaltig und nirgends sind die Löhne so niedrig wie in dem ländlich geprägten Bundesland im Norden der Republik. Viele in Mecklenburg-Vorpommern fühlen sich als Wende-Verlierer.

Dahlemann weiss: «Aus diesem Gefühl des Unbehagens versucht die NPD Kapital zu schlagen.» Dabei verfügt das Bundesland über den geringsten Migrationsanteil in ganz Deutschland. «Bei uns müssen viele Leute erst einmal lernen, auf dunkelhäutige Menschen zuzugehen.»

Einen weiteren Erfolg durfte Dahlemann gerade gestern feiern. Youtube hat seinen Film wieder freigeschaltet. Die NPD liess das Video kurzzeitig wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen für zwei Wochen blockieren. «Sieg gegen die Neonazis! Jetzt haben die braunen Brüder noch 'ne peinliche Klatsche bekommen. Meinungsfreiheit und politische Meinungsbildung haben gesiegt!», kommentierte Dahlemann gestern auf seiner Facebook-Seite.

Angst vor den Rechtsextremen hat er nicht. «Wenn die mich verklopfen», sagt er selbstbewusst, «dann weiss das ganze Land, wer dahinter steckt. Eine Partei, gegen die ein Verbotsverfahren läuft, kann sich so was gar nicht leisten.»