Türkei

Hagia Sophia: Istanbuls Wahrzeichen wird zur Moschee

Kirche, Moschee, Museum, jetzt wieder Moschee: Die Hagia Sophia in Istanbul hat eine bewegte Geschichte.

Kirche, Moschee, Museum, jetzt wieder Moschee: Die Hagia Sophia in Istanbul hat eine bewegte Geschichte.

Staatspräsident Erdogan hat das Museum zum islamischen Gotteshaus erklärt. Nicht nur die UNESCO ist besorgt.

Mit türkischen Fahnen in der Hand versammelten sich am Freitagnachmittag hunderte Menschen vor der Hagia Sophia in Istanbul. Sie feierten einen Gerichtsbeschluss, der den byzantinischen Kirchenbau aus dem 6. Jahrhundert von einem religiös neutralen Museum in eine Moschee umwandelt. Schon an diesem Samstag könnte in der Hagia Sophia zum ersten Mal seit mehr als 80 Jahren wieder ein islamisches Gebet stattfinden.

Treibende Kraft hinter der Umwandlung ist Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der den weltberühmten Bau unmittelbar nach dem Entscheid der Richter dem staatlichen Religionsamt überschrieb. Auf Antrag eines islamischen Vereins hob der Verwaltungsgerichtshof eine Kabinettsentscheidung aus dem Jahr 1934 auf, mit der die Hagia Sophia zum Museum erklärt worden war. Nach fast tausend Jahren als eine der wichtigsten Kirchen des Christentums erklärte der osmanische Sultan Mehmet II die Hagia Sophia 1453 schon einmal zur Moschee.

Besucher sind weiterhin zugelassen

In einer ersten Reaktion zeigte sich die russisch-orthodoxe Kirche enttäuscht von der Entscheidung, mit der die Meinung von «Millionen von Christen» ignoriert werde. Türkische Regierungsvertreter und Islamisten begrüssten das Urteil dagegen. Erdogan selbst wollte sich am Abend in einer Fernsehansprache an die Nation richten, und zwar genau um 20.53 Uhr türkischer Zeit: Das entspricht der Zahl 1453 – dem Jahr der Eroberung von Konstantinopel – plus 600, die Zahl der Jahre, in denen die Hagia Sophia schon einmal eine Moschee war.

Die Kulturorganisation UNESCO meldete Bedenken gegen die Umwandlung an. Die Hagia Sophia gehört seit 1985 zum Weltkulturerbe. Änderungen am Status des Gebäudes müssten der UNESCO vorher angekündigt werden, erklärte die Organisation.

Angesichts der Kritik versuchte Erdogans Regierung schon vor Bekanntgabe des Urteils, Befürchtungen von Gegnern der Umwandlung zu zerstreuen. Natürlich werde die Hagia Sophia auch als Moschee für Besucher geöffnet bleiben, sagte Erdogans Sprecher. Auch die christlichen Mosaike sollen erhalten bleiben, obwohl der Islam die bildliche Darstellung von Menschen verbietet.

Dass Erdogan die Hagia Sophia ausgerechnet jetzt zur Moschee macht, liegt an der wachsenden Unbeliebtheit seiner Regierung. Die durch die Coronapandemie verstärkten Wirtschaftsprobleme machen der Regierungspartei AKP zu schaffen. Die Umwandlung der Hagia Sophia soll islamistische und nationalistische Wähler motivieren.

Manche Oppositionspolitiker vermuten, Erdogan wolle die Flucht nach vorne antreten und vorgezogene Neuwahlen ansetzen, bevor die Lage für ihn noch schlechter werde. Ob diese politischen Manöver der AKP viel bringen, ist aber fraglich. Nach einer neuen Umfrage des Gezici-Meinungsforschungsinstituts wenden sich Frauen und Jungwähler von Erdogans Partei ab. Wenn die AKP diese Abwanderung nicht stoppen kann, werde es für Erdogan bei der Präsidentenwahl in drei Jahren eng.

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