Spanien

Hängepartie in Katalonien – Jugend ist zunehmend frustriert

Eine spanische und eine katalanische Flagge am Balkon: So präsentieren sich seit Monaten die Fassaden in den Städten Kataloniens.

Eine spanische und eine katalanische Flagge am Balkon: So präsentieren sich seit Monaten die Fassaden in den Städten Kataloniens.

Die Regierungsbildung in Barcelona verzögert sich weiter. Die Jugend reagiert zunehmend genervt.

20 Grad im Januar, Sonne, spanische Unbeschwertheit. Vereinzelt schmücken katalanische und spanische Flaggen die Häuser. Sorgen oder gar Hass sind nicht zu spüren in den Strassen von Granollers, 25 Kilometer ausserhalb von Barcelona. Im Oktober protestierten Tausende auf der «Plaça de la Porxada» im Stadtzentrum für die Unabhängigkeit. Viel Zeit ist seither vergangen, jetzt ist Ruhe eingekehrt. Und das, obwohl der Präsident noch immer auf der Flucht ist.

Ein paar alte Sticker an den Wänden, die dazu aufrufen, am 1. Oktober wählen zu gehen, zeugen noch von den Demos. Andere Kleber zeigen eine durchgestrichene 155, die für den Artikel 155 der Verfassung steht. Es war der gefürchtete Moment: Am 27. Oktober aktivierte die spanische Regierung diesen Artikel, um der katalanischen Region ihre Autonomierechte zu entziehen und somit deren Unabhängigkeitsbestrebungen zu stoppen.

Seither ist die politische Lage in Katalonien unklar. Erst gestern wurde wieder eine Debatte vertagt. Für den Nachmittag war im Parlament von Barcelona die Wahl des Regierungschefs angesetzt. Einziger Kandidat hätte Carles Puigdemont sein sollen. Der aber befindet sich weiterhin im Exil in Brüssel. Vor wenigen Tagen beschloss das spanische Verfassungsgericht, dass Puigdemont persönlich anwesend sein muss, um gewählt zu werden. Sollte er nach Spanien einreisen, droht ihm jedoch die sofortige Verhaftung.

Sergio will gehen

In Granollers, genau wie in vielen anderen Städten Kataloniens, reagieren die Menschen zunehmend genervt. Die Leute sind müde von dem ständigen Hin und Her. Wegen der andauernden Spannung denken manche gar daran, Katalonien zu verlassen. So auch Sergio. Der 22-Jährige studiert Chemieingenieurwesen und ist sich sicher, dass er nach seinem Studium entweder nach Madrid oder in ein anderes Land zieht: «In Katalonien lebt man in einem konstanten Konflikt.» Es gebe auch Situationen, in denen er nicht sagen könne, dass er Spanier sei, ohne schief angeschaut zu werden. Es gehe sogar noch weiter: «Ich werde als Faschist bezeichnet», und das nur, weil er gegen die Abspaltung sei.

Video-Schaltung aus dem Exil

Gänzlich absurd wurde es, als unter den Abspaltungswilligen eine Regierung per Video-Schaltung diskutiert wurde, findet Victor. Unmöglich sei es, ein Land aus der Ferne regieren zu wollen, sagt der 25-Jährige, der ebenfalls an der Universität von Barcelona studiert. Puigdemont hatte erwogen, seine Präsidentschaft aus dem Brüsseler Exil anzutreten und via digitale Medien und per Skype zu regieren. «Ein Familienvater, der sich permanent auf Geschäftsreise befindet, weiss auch nicht genau, was zu Hause abgeht», sagt Victor.

In der Tat gehört die Skype-Idee zu den ungewöhnlichsten Episoden der seit Monaten andauernden Katalonien-Krise. Selbst Abspaltungsbefürwortern ging das zu weit: Laia, 22 Jahre alt, steht zwar noch immer hinter «ihrem Präsidenten». Jedoch ist sie auch der Meinung, dass niemand unverzichtbar sei: «Bevor Puigdemont via Skype regiert, soll er sein Amt abtreten», sagt sie. Dass Puigdemont aus dem Land geflohen ist, findet sie richtig – schliesslich habe er keine andere Wahl gehabt. Wie es nun aber weitergehen soll, weiss auch sie nicht.

Selbst Experten schätzen die Situation als sehr kompliziert ein. Die Politologin Eva Anduiza von der Universität Barcelona sagt: «Ich glaube, dass es auf Neuwahlen hinauslaufen wird.» Sicher sei, dass Puigdemont nicht mehr Präsident werde. Als Dozentin spüre sie eine gewisse Unzufriedenheit bei ihren Studenten: «Sie sind müde, gelangweilt und haben keine Lust mehr auf das ganze Thema.» Das sei bei beiden Lagern zu spüren, bei den Befürwortern wie auch bei den Gegnern der Unabhängigkeit Kataloniens. «Momentan ist keiner so richtig glücklich», sagt Anduiza.

Laia, Sergio und Victor sind sich auf jeden Fall einig: Solange die politische Situation in Katalonien derart vage sei, bleibe auch ihre eigene Zukunft ungewiss.

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