Datenklau

Hackerangriff auf Hunderte deutsche Politiker – nur eine Partei ist davon nicht betroffen

Ebenfalls betroffen: Der deutsche Entertainer und Satiriker Jan Böhmermann. (Archiv)

Ebenfalls betroffen: Der deutsche Entertainer und Satiriker Jan Böhmermann. (Archiv)

Die Kanzlerin, Entertainer Jan Böhmermann und Schauspieler Til Schweiger: Daten von Hunderten Politikern und Prominenten wurden im Netz veröffentlicht – Deutschland ist in Aufruhr.

Eine aus dem Ausland gesteuerte Cyberattacke? Ein «blosser» Datenklau? Teilweise sensible Informationen von Hunderten von Politikern, Künstlern und Prominenten wurden im Netz veröffentlicht, darunter Dokumente wie Fotos, Kontoinformationen, private E-Mails, Kontaktdaten und Handy-Nummern.

Die Angriffe auf die Daten endeten bereits Ende Oktober des letzten Jahres, wurden daraufhin im Dezember veröffentlicht und erst am Donnerstag entdeckt. Betroffen von den Angriffen waren Politiker wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, SPD-Chefin Andrea Nahles, aber auch Prominente wie Til Schweiger, der Rapper Sido oder Moderator Jan Böhmermann sowie Journalisten von ARD und ZDF.

Immerhin: Brisante Informationen aus dem Kanzleramt wurden durch die Angriffe nicht erbeutet. «Nach jetzigem Erkenntnisstand liegt keine Betroffenheit der Regierungsnetze vor», gab das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gestern teilweise Entwarnung.

Im Fokus der Angriffe waren vor allem Politikerinnen und Politiker von CDU, CSU, aber auch sämtlicher anderer im Bundestag vertretenen Parteien – gemäss ersten Informationen indes mit Ausnahme der Alternativen für Deutschland (AfD).

Die Daten wurden nicht nur über Bundestagsabgeordnete und Regierungsvertreter gesammelt, sondern auch über Landes-, Europa- und Kommunalpolitiker. Informationen wurden über einen inzwischen gesperrten Twitteraccount in Form eines Adventskalenders täglich im Dezember scheibchenweise veröffentlicht.

Wohl keine Attacke aus Russland

Der Datenklau sorgte für grosse Aufregung. Erinnerungen an die Cyberattacken auf Regierung und Bundestag in den vergangenen Jahren wurden wach. Gemäss «Bild» beantragten die deutschen Sicherheitsbehörden den US-Geheimdienst NSA bei der Aufklärung um Mithilfe. Die Bundesregierung nehme den Vorfall «sehr, sehr ernst», hiess es.

Stecken hinter der Attacke Dienste aus Russland oder China – mit dem Ziel, das wichtigste EU-Land politisch zu destabilisieren? Im Verlaufe des Tages wurde diese Theorie zunehmend verworfen – die veröffentlichten Daten lassen eher darauf schliessen, dass eine Einzelperson oder eine Gruppe von Einzelnen mit relativ einfachen Methoden gezielt und über Monate hinweg akribisch Daten gesammelt und diese nun häppchenweise veröffentlicht hat.

So sieht das auch der professionelle Hacker und Experte für Spionage im Internet Götz Schartner: «Ich würde aus einer ersten Analyse heraus sagen: Opfer wurden Politiker und Prominente, die einen Kardinalfehler begangen haben und Passworte offenkundig für mehrere Konten benutzt haben.»

Dass ausgerechnet die rechtskonservative AfD nicht von den Attacken betroffen ist und der inzwischen gelöschte Twitteraccount mit rechten bis rechtsextremen Usern verknüpft war, lasse darauf schliessen, dass die Attacke aus dem rechten Spektrum erfolgt sei.

Nichtsdestotrotz: Die Gefahr von Cyberattacken aus dem Ausland ist so gross wie kaum je zuvor, warnt Schartner. In Deutschland stehen 2019 wichtige Wahlen an – zuerst die Europawahl, im Spätsommer drei Landtagswahlen im Osten des Landes, wo die AfD stärkste Kraft werden könnte. «Durch Cyberattacken können gezielt Stimmungen vor Wahlen beeinflusst werden», sagt Schartner. Wer der EU schaden wolle, sei daran interessiert, in Deutschland die AfD zu stärken. «Es ist primär Russland, das ein Interesse an einer geschwächten EU hat.

Insofern ist die Gefahr gross, dass Kräfte aus Russland in den nächsten Monaten versuchen werden, jene Partei in Deutschland zu unterstützen, welche die EU verlassen möchte – und das ist die AfD.» Der Kreml wolle verhindern, von einem geeinten, mit den USA und China verbündeten Europa wirtschaftlich und politisch beherrscht zu werden. Kommentar unten

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