Verfahren gegen Julian Assange

Grossbritanniens berühmtester Häftling: Rettet seine heimliche Familie den Wikileaks-Gründer?

Ihm drohen 175 Jahre Haft in den USA: Wikileaks-Gründer Julian Assange (49).

Ihm drohen 175 Jahre Haft in den USA: Wikileaks-Gründer Julian Assange (49).

Seine 37-jährige Verlobte sagt: «Auslieferung an die USA wäre das Todesurteil.» Die 5 wichtigsten Fragen und Antworten zum Prozess.

Nach knapp sechsmonatiger Unterbrechung geht das Auslieferungsverfahren gegen den prominentesten Häftling Grossbritanniens heute weiter. Sollte der Wikileaks-Gründer Julian Assange (49) in die USA abgeschoben werden, drohen ihm wegen Hackerangriffen und Spionage bis zu 175 Jahre Haft. Das Hearing im berühmten Gerichtshof Old Bailey wird auf mehrere Wochen veranschlagt.

1) Wie geht es Julian Assange knapp anderthalb Jahre nach seiner Inhaftierung?

Assanges Gesundheitszustand hatte sich nach sieben Jahren im Asyl in der ecuadorianischen Botschaft (2012 bis 2019) und insbesondere nach seiner Überstellung ins Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh vor den Toren Londons verschlechtert. Nils Melzer, der UNO-Sonderberichterstatter für Folter, äusserte nach einem Besuch bei Assange im Mai 2019 grosse Besorgnis über dessen Zustand. Trotzdem: An den Haftbedingungen für den 49-Jährigen hat sich seither nichts geändert. Verändert hat sich jedoch seine private Situation: Im März gelangte seine Anwältin Stella Moris (37) mit der überraschenden Neuigkeit an die Öffentlichkeit, dass Julian Assange und sie ein Paar seien.

2) Eine Beziehung mit seiner 37-jährigen Anwältin? Wie verändert das Assanges Situation?

Stella Moris erklärte im März, Assange sei der Vater ihrer beiden jüngsten Kinder, dem dreijährigen Gabriel und dessen 19 Monate altem Bruder Max. Um die durch das Virus entstandene Gefahr im eng belegten Knast zu reduzieren, wollte Moris bewirken, dass ihr Verlobter zeitweilig und mit entsprechender Überwachung bei ihr wohnen dürfe. Der Antrag wurde abgelehnt. Die bis dahin unbekannte Existenz einer Londoner Familie könnte dem 49-Jährigen aber dennoch zum Vorteil gereichen: Im englischen Recht spielt das Recht auf ein Familienleben eine wichtige Rolle.

Stella Moris (Mitte) ist nicht nur Teil von Assange's Anwaltsteam. Die 37-Jährige hat im März bekanntgegeben, dass Assange der Vater ihrer beiden Söhne sei.

Stella Moris (Mitte) ist nicht nur Teil von Assange's Anwaltsteam. Die 37-Jährige hat im März bekanntgegeben, dass Assange der Vater ihrer beiden Söhne sei.

Das hat die in Südafrika geborene Londonerin mit spanischem und schwedischem Pass mehrfach betont. Die Juristin, damals noch unter dem Namen Sara Gonzalez, reagierte 2011 auf einen Aufruf von Assanges langjähriger Anwältin Jennifer Robinson, die im mittlerweile eingestellten schwedischen Auslieferungsverfahren Hilfe brauchte. Moris blieb Teil von Assanges Anwaltsteam, nachdem sich dieser 2012 der bereits beschlossenen Auslieferung nach Schweden durch die Flucht in die Londoner Botschaft Ecuadors entzog. Im Lauf der Jahre wurde aus dem professionellen Verhältnis eine Liebesbeziehung. Aus Furcht vor negativen Konsequenzen hielt das Paar beide Schwangerschaften vor Assanges Asylgebern geheim. Seinen jüngsten Sohn lernte der Journalist und Datenhändler erst im Gefängnis kennen.

3) Wie genau lauten eigentlich die Vorwürfe gegen Assange?

Die von Assange gegründete Plattform Wikileaks hatte 2010 und 2011 – teilweise in Zusammenarbeit mit renommierten Medien wie der New York Times, dem Guardian und dem Spiegel – US-Geheimdokumente veröffentlicht. Dadurch kamen Kriegsverbrechen amerikanischer Streitkräfte in Afghanistan und Irak ans Licht. Assange soll die später wegen Geheimnisverrats verurteilte Soldatin Chelsea Manning zum Kopieren der 250’000 diplomatischen Depeschen angestiftet haben. Wikileaks bestreitet dies. Die Regierungen beider Länder begründeten ihre unerbittliche Verfolgung stets mit der «Gefährdung der Sicherheit» britischer und amerikanischer Staatsbürger in brisanten Ländern wie Iran, Irak, Pakistan und Afghanistan. Wegen der gezielten Leaks im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016, die der demokratischen Bewerberin Hillary Clinton immer wieder Schaden zufügten, behauptete der damalige Kandidat Donald Trump zunächst, er liebe Wikileaks. Die Administration des amtierenden Präsidenten hat die Strafverfolgung gegen Assange aber eisern weiterverfolgt. Erst im Juni wurde die Anklage wegen Computerspionage nochmals erweitert.

4) Wer unterstützt Assange?

Seit Monaten machen auf beiden Seiten des Atlantiks altgediente Galionsfiguren der Linken, aber auch Künstler und Autoren mobil. Der 91-jährige Intellektuelle Noam Chomsky pries Assanges Aktivitäten am Samstag als «allerbesten Journalismus»: Es gelte, den Australier gegen eine «ausser Kontrolle geratene Staatsmacht» zu verteidigen. «Wir müssen zusammenstehen», fordert auch die Schriftstellerin Alice Walker («Die Farbe Lila»). Mode-Legende Vivienne Westwood protestierte im Sommer als Kanarienvogel im Käfig vor dem Gerichtsgebäude gegen die anhaltende Inhaftierung ihres «brillanten Freundes».

5) Wie verhält sich die Politik?

Die konservative Regierung von Premier Boris Johnson möchte den Australier möglichst schnell loswerden, egal wie. Allerdings gibt es bis weit in die konservative Partei hinein Unwohlsein über den ungleichen Auslieferungsvertrag mit den USA. So weigert sich Washington seinerseits, die Amerikanerin Anne Sacoolas auszuliefern, die im vergangenen Jahr bei einem Verkehrsunfall in England den Teenager Harry Dunn tötete und Fahrerflucht beging. Pikanterweise handelt es sich bei der Täterin um die Gattin eines CIA-Agenten, womöglich sogar selbst eine Angehörige jenes Geheimdienstes, dessen Ermittlungen dem Verfahren gegen Assange zugrunde liegen.

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