Herr Vernazza, ein neue, bisher nicht am Menschen getestete Behandlung, soll einen an Ebola erkrankten Amerikaner gerettet haben. Ist das der Durchbruch?

Pietro Vernazza: Wenn der Effekt tatsächlich so schnell eintrat, wie es in den Medien zu lesen ist, dann gibt das Grund zur Hoffnung. Doch um seriöse Aussagen über die Wirkung des Medikaments machen zu können, sind Tests an einer grösseren Gruppe notwendig. Verabreicht an ein, zwei Personen, lassen sich kaum Aussagen zur Wirksamkeit machen.

Der amerikanische Arzt soll 20 Minuten nach der Verabreichung des Serums bereits wieder aus eigener Kraft unter die Dusche gegangen sein. Dies, nachdem er sich – seines Ablebens sicher – bereits telefonisch von seiner Frau verabschiedet hatte.

Man muss die Wirkung trotzdem wissenschaftlich testen. Mit Ebola infizierte Menschen zeigen eine Sterbewahrscheinlichkeit von bis zu 90 Prozent. Das heisst: Die Wahrscheinlichkeit einer Spontanheilung liegt noch immer bei mindestens zehn Prozent. Beim erkrankten Amerikaner könnte also gerade so gut wie eine medikamentöse Heilung eine Spontanheilung eingetreten sein.

Auch ein Impfstoff soll entwickelt werden. Jedoch ist der Impfmarkt in den armen westafrikanischen Ländern kommerziell uninteressant. Was soll man tun?

Eine Impfstoffentwicklung wäre zwar zielführend, jedoch handelt es sich bei Ebola um eine Krankheit, deren Ausbreitung mit einfachen Mitteln verhindert werden kann.

Wie denn?

Erkrankte muss man isolieren. So kann man das Virus eindämmen. Zudem verhindern ganz grundlegende Verhaltensregeln eine Infektion. Sie betreffen sowohl die Hygiene als auch den Umgang mit Erkrankten. Verstorbene Ebola-Patienten sollte man dann nicht mehr berühren. Die Übertragung von Ebola erfolgt via Körperflüssigkeiten durch direkten Kontakt über die verletzte Haut oder über die Schleimhäute. Doch ansteckend sind nur Menschen, die bereits erkrankt sind, also Symptome zeigen. Dies etwa im Unterschied zur Grippe, bei der die Ansteckung zu einem Zeitpunkt erfolgt, bei dem sich der Träger des Virus noch gar nicht krank fühlt.

Dann ist die Grippe ansteckender?

Nicht nur das: Grippe und Masern sind global betrachtet sicher das grössere Übel als Ebola. Denn das Ebola-Virus können wir mit einfachen Mitteln unter Kontrolle bringen, Grippe und Masern nicht.

In den betroffenen Ländern fehlt es an allem: Ist es nicht zynisch, den Menschen von bitterarmen und bürgerkriegsversehrten Ländern wie Sierra Leone oder Liberia fehlendes Hygiene-Bewusstsein vorzuwerfen?

Das ist kein Vorwurf. In Ländern wie Sierra Leone oder Liberia herrscht aber eine ganz andere Kultur vor, was den Umgang mit Toten, aber auch mit Krankheiten betrifft. Es ist ein schwieriger und langer Weg, Menschen mit einem ganz anderen Krankheitsverständnis plötzlich für ein neuen Umgang mit Krankheiten und Toten zu sensibilisieren. Es ist ein schwieriger und langwieriger Prozess, Verständnis und damit angemessenes Verhalten für Krankheiten wie Ebola, aber auch HIV zu schaffen.

Offenbar hat sich die Mortalität des Ebola-Virus jüngst gesenkt. Nun wird befürchtet, dass sich damit das Virus weiter ausbreiten könnte, weil es sich nicht im selben Zug wie seinen Wirte auslöscht. Teilen Sie diese Befürchtung?

Es ist nicht klar, dass sich das Virus an den Menschen angepasst hat. Die tiefer beobachtete Mortalität kann auch mit dem zeitlichen Verlauf der Epidemie in Westafrika zusammenhängen. Denn wegen der hohen Mortalität überwiegt die Zahl der Toten zu Beginn einer Epidemie den Durchschnittwert. Jene, die überleben, landen erst mit dem fortschreitenden Verlauf der Epidemie in der Statistik.