Im ohnehin spannungsreichen deutsch-griechischen Verhältnis zeichnen sich neue Irritationen ab. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras plant eine Initiative, um deutsche Reparationszahlungen für Massaker und Zerstörungen während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg einzutreiben. Es geht um Forderungen von rund 300 Milliarden Euro.

Die griechische Regierung werde «alles Erforderliche unternehmen, mit diplomatischen Mitteln und, wenn nötig, auf rechtlichem Weg, damit diese historische Schuld bezahlt wird», kündigte Tsipras am Dienstag in der westgriechischen Ortschaft Kommeno an. Der Premier nahm an einer Feierstunde zum Gedenken an die Opfer eines Wehrmachtsmassakers teil. Am 16. August 1943 hatten Soldaten der 1. Gebirgs-Division in der Ortschaft 317 Zivilisten ermordet, unter ihnen 172 Frauen und 97 Kinder.

Der Streit um deutsche Reparationszahlungen an Griechenland schwelt seit Jahrzehnten. Dabei geht es um Entschädigungen für materielle Kriegsschäden, Zahlungen an die
Hinterbliebenen von Zivilisten, die Gräueltaten der Wehrmacht und der SS zum Opfer fielen, sowie um die Rückzahlung einer 1942 bei der griechischen Notenbank aufgenommenen Zwangsanleihe, mit der das Deutsche Reich den Griechen auch noch die Kosten für die Besatzung aufbürdete. Unter dem Strich geht es nach einer Studie des griechischen Rechnungshofes um Forderungen von 269 Milliarden Euro. Andere griechische
Berechnungen kommen auf 332 Milliarden Euro.

Reparationsfrage erledigt

Die Bundesregierung weist die Forderungen zurück. Sie hält die Reparationsfrage für erledigt. 1960 hatte Deutschland 115 Millionen DM für griechische Opfer der NS-Herrschaft nach Athen überwiesen. Die Zahlung war an die Bedingung geknüpft, dass keine weiteren Forderungen gestellt werden.

Tsipras hatte schon vor seiner Wahl die Reparationen zu einem seiner zentralen Themen gemacht. Gleich nach seiner Vereidigung als Premierminis-ter Ende Januar 2015 besuchte er eine Gedenkstätte für Nazi-Opfer im Athener Stadtteil Kesariani und legte dort Blumen nieder.

In Kommeno forderte Tsipras am Dienstag, die Bundesregierung müsse sich endlich zu Verhandlungen bereitfinden. «Wir betteln nicht, wir fordern», unterstrich Tsipras. Das griechische Volk werde die «Kriegsverbrechen der deutschen Nazi-Armee nicht vergessen» und fordere, dass die deutsche Regierung diese Untaten «endlich anerkennt, und sei es mit 73 Jahren Verspätung».

Seine Regierung werde die Reparationsansprüche «bis zum Ende und auf allen Ebenen» verfolgen, kündigte Tsipras an. Das Thema wird in Kürze auch das griechische Parlament beschäftigen. Es will im September über den Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses beraten, der die Reparationsansprüche untermauern soll und Wege vorschlägt, wie Griechenland die Forderungen eintreiben kann.

Immobilien beschlagnahmen?

So könnte Griechenland deutsches Eigentum in Griechenland beschlagnahmen lassen. Justizminister Nikos Paraskevopoulos hatte bereits im März vergangenen Jahres angekündigt, er sei bereit, die Pfändung deutscher Liegenschaften in Griechenland zu genehmigen, um Hinterbliebene von Wehrmachtsopfern zu entschädigen.