Abstimmungen haben den Vorteil, dass sie klipp und klar sind. Ein Ja ist ein Ja und ein Nein ist ein Nein. Abstimmungen haben den Nachteil, dass sie ein komplexes Problem zu sehr vereinfachen, dass sie eine eindeutige Stellungnahme erzwingen, wo man gerne etwas differenziert hätte. Bestimmte Leute halten das Abstimmen für Demokratie pur, dabei ist das grundfalsch. Demokratie ist – in ihrer ursprünglichen Variante – vor allem Deliberation. Auf Deutsch kann man das als «Erwägen» übersetzen, es hätte aber auch ein stark analytisches Element und vor allem gehört zwingend Wissen um die Sache dazu.

Das anstehende Referendum in Griechenland ist aber weder dazu geeignet, sich deliberativ um die Lösung des Problems zu kümmern, es wird nicht einmal eine klare Position liefern. Anders als 2011, als der damalige Premierminister Georgios Papandreou schlaumeierisch sein Volk abstimmen lassen wollte, ist dieses Referendum aber immerhin nicht scheinheilig.

Im Euro bleiben ...

Wenn Schäuble und Co. über die «frechen Griechen» lamentieren, welche mit diesem Referendum hinterhältig die Verhandlungen platzen liessen, dann waren sie nie im Bild, unter welchen Zeichen diese griechische Regierung in die Verhandlungen gestiegen war. Tsipras/Varoufakis wollten nicht darüber diskutieren, an welchen Rädchen und Schräubchen allenfalls noch etwas gedreht werden könnte, sondern sie hielten sich an ihr Wahlversprechen: «Schluss mit dieser unsinnigen Austeritätspolitik!», hatten sie ihren Bürgern versprochen. Aber natürlich hatten auch sie keine Alternative. Das Einzige, was sie auch noch wussten, war, dass die Mehrheit der Griechen eigentlich im Euro bleiben wollte. Drachmen-Abenteuer fanden die Griechen auch nicht lustig.

Es hat nicht funktioniert ...

Was auf dem Abstimmungszettel steht, ist eigentlich egal. Worüber abgestimmt wird, ist die Austeritäts-Rosskur. Die ist – das dürfte mittlerweile intellektuelles Gemeingut sein – mehr als gescheitert. Das Sparen hat Griechenland den Rest gegeben. Die Antwort auf dem Stimmzettel kann deshalb nur «Nein» lauten. Das empfehlen die Nobelpreisträger Paul Krugman (in seinem Blog in der «New York Times») und Joseph Stiglitz (in einem Text im «Guardian») einhellig.

... also ziehen wirs durch

Der Troika-Politik applaudieren? «Ich wüsste, was ich stimmen würde», schreibt Stiglitz. Ein «Ja» wäre die unselige Hoffnung, nach unendlichem Leidensweg am Ende doch noch «Gnade» zu finden, ein Schuldenerlass ins Grab hinunter. Und Krugman bemüht gar einen schwierigen Vergleich. Die Troika hätte einen «umgekehrten Corleone» gemacht. Im Film sagt der Mafioso: «Mein Angebot ist ... nichts.» «Umgekehrt» heisst dann wohl: Ein Angebot, das Tsipras nicht annehmen konnte. Alles, was jetzt noch läuft, ist Wahlpropaganda, mit dem klaren Ziel: Liebe Griechen, räumt uns endlich diese Regierung weg! Und wenn die EU-Finanzminister ihre Wunschregierung kriegen, dann ginge das unselige Murksen einfach unendlich weiter.