Griechenland

Griechen in der Schweiz: «Wir sehen im Moment kein Licht»

Eleni Chouchourelos, griechische Seconda aus Opfikon.  e. freudiger

Eleni Chouchourelos, griechische Seconda aus Opfikon. e. freudiger

Eleni Chouchourelos kommt kaum zum Essen. Sie sitzt in einem griechischen Bistro an der Stauffacherstrasse in Zürich, vor sich hat sie einen Teller mit einem Spiess und griechischem Salat und die Worte sprudeln aus ihr heraus.

Chouchourelos ist Bankangestellte, Vorstandsmitglied eines griechischen Vereins, aber im Moment ist sie vor allem aufgewühlt: «Es tut sehr weh, mein Land so zu sehen», sagt Chouchourelos.

Weh tun ihr einerseits der Spott und die Sprüche, die sie hier in der Schweiz erntet, dem Land, in dem sie geboren ist. Kollegen an ihrem Arbeitsplatz in einer Privatbank in Zürich halten ihr das Portemonnaie unter die Nase und sagen: «Hier, nimm einen Euro, kannst ihn nach Griechenland schicken.»

Lustig seien diese Sprüche längst nicht mehr. «Unterste Schublade», sagt Chouchourelos in breitem Zürcher Dialekt. Weh tut ihr vor allem aber auch, zu sehen, wie ihr Land in der Hoffnungslosigkeit versinkt. «Es herrscht das Gefühl der totalen Ohnmacht. Griechenlands Schicksal hängt von Politikern ab, denen das Volk nicht mehr vertraut. Wir sehen im Moment kein Licht am Horizont.»

Die Eltern kamen als Arbeitskräfte

Chouchourelos’ Eltern sind Mitte der 60er-Jahre in die Schweiz gekommen, als billige Arbeitskräfte für das Uni-Spital wurden sie direkt in ihrem Heimatdorf in der Region Epirus im Osten des Festlands angeworben. Ein paar Jahre später kam Eleni zur Welt («mein Alter schreiben Sie nicht!»).

Dass Eleni Chouchourelos in der Schweiz aufgewachsen ist, macht den Umgang mit der Krise für sie eher noch schwieriger: «Mein Kopf sagt mir: ‹Wieso verstehen die Griechen nicht, dass etwas ändern muss?› Mein Herz sagt: ‹Ihr habt jedes Recht, gegen diese ungerechten Sparmassnahmen zu demonstrieren.›» Diese Zerrissenheit zieht sich durch das ganze Gespräch. Chouchourelos hält Griechenland von Grund auf für krank. Ein Land, das immer schon am Staat vorbeiwirtschaftete im Kleinen wie im Grossen.

Ein Land, das nach der Einführung des Euro zu einem Land des billigen Geldes wurde, in dem sogar T-Shirts auf Raten gekauft werden konnten. Ein Land, das von Politikern zu Boden gewirtschaftet wurde. Doch Chouchourelos sagt auch: «Das Volk ist mitschuldig, es hat zu allem Ja gesagt.»

Der menschliche Faktor

Doch dann ist da auch noch der menschliche Faktor: In ihrer Familie gebe es höchstens eine Person, bei der die Sparmassnahmen nicht ans Eingemachte gehen. Andere Familienmitglieder leben von weniger als 500 Euro im Monat. «Früher hat man auf dem Markt für 100 Drachmen seinen Korb gefüllt, heute ist er für 50 Euro nur noch halb voll.» Für viele Schweizer seien die Griechen einfach faule Leute, die jetzt einmal richtig wachgerüttelt werden müssten. «Das stimmt einfach nicht. Ich kenne viele, die mehrere Jobs haben, damit sie sich einigermassen über Wasser halten können – und die stehen jetzt vor dem Ruin.»

Chouchourelos glaubt, dass es noch mindestens 20 Jahre dauert, bis ihr Land wieder Boden unter den Füssen hat. Und bis dann stehen harte Zeiten bevor, sehr harte. «Die Menschen ziehen wieder zurück aufs Land, wo sie sich selber versorgen können. Wir sind auf dem Weg zurück in die 60er-Jahre.»

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