Der Tisch fürs Mittagessen war gedeckt, die Zeremonie für den feierlichen Abschluss vorbereitet. Mit dicken Füllern sollten US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in dem prächtig geschmückten Saal des Regierungsgästehauses in Hanoi am frühen Nachmittag eine Schlusserklärung unterzeichnen. Das war der Plan.

Doch dann betrat am späten Vormittag Sarah Sanders, die Sprecherin des Weissen Hauses, das Pressezentrum und platzte mit einer Nachricht herein. Das Mittagessen sei gestrichen, die Abschlusszeremonie ebenso. Kim Jong Un habe Hanoi bereits verlassen. Die Pressekonferenz mit Präsident Trump werde vorgezogen. Auf live übertragenen Bildern vom Pressezentrum des Gipfels ist zu sehen, wie unter den Tausenden aus aller Welt angereisten Journalisten für einen kurzen Moment der Atem stockt. Dann wird Sanders mit Fragen bombardiert. Hektisch verlässt sie den Raum wieder.

Drei Gründe für den Abbruch

Trump und Kim haben ihren zweiten Gipfel vorzeitig abgebrochen. Gegen Mittag stellt sich der US-Präsident der Presse und nennt die Gründe. Sie konnten sich bei der Frage der Aufhebung der Wirtschaftssanktionen nicht einig werden, teilte er mit versteinerter Miene mit. Kim Jong Un wollte, dass sämtliche Sanktionen gelockert werden, die wegen des Atom- und Raketenprogramms verhängt sind. Als Gegenmassnahme habe Kim angeboten, den Nuklearreaktor Yongbyon zu schliessen. Das aber reichte dem US-Präsidenten nicht aus. Er habe Kenntnis von weiteren Anlagen. «Ich denke, er (Kim) war überrascht, dass wir darüber Bescheid wussten», sagte Trump. Er habe sich ausführlich mit Aussenminister Mike Pompeo beraten. «Das konnten wir nicht machen», sagte Trump. Daraufhin sei es zum Abbruch des Gipfels gekommen.

Der US-Präsident betonte, der Abgang sei freundlich erfolgt, und versicherte, sein persönliches Verhältnis zum nordkoreanischen Machthaber sei weiterhin gut. «Wir mögen uns einfach», sagte Trump. Es gebe eine «Wärme» in ihrer Beziehung. Und er hoffe, «dass das so bleibt». Nur manchmal müsse man einfach gehen, so der US-Präsident. Und dies sei einer jener Momente gewesen. «Besser gar kein Deal als ein schlechter.»

Kim habe ihm aber zugesagt, dass sein Land die Atomwaffentests nicht wieder aufnehmen werde. «Kim wird keine Raketen testen oder irgendetwas, was mit Atom zu tun hat.» Die Verhandlungen würden fortgeführt.

Ist nach dem Gipfel vor dem Gipfel?

Auf Nachfrage, wann es zu einem weiteren Treffen kommen werde, antwortete Trump: Derzeit sei nichts vorgesehen. Pompeo betonte, beide Seiten lägen näher beieinander als noch 36 Stunden zuvor. Er rechne mit weiteren Fortschritten in den nächsten Tagen und Wochen. Kim äusserte sich am Donnerstag nicht. In der Regel lässt die nordkoreanische Führung erst Tage später über ihre Staatsmedien eine Stellungnahme veröffentlichen.

Joseph Yun, Analyst des US-Friedensinstituts, gibt Trump die Schuld am Scheitern des Gipfels. Sein Stab sei nicht ausreichend vorbereitet gewesen auf den Gipfel. Weder folge die US-Regierung eine einheitliche Linie, noch gebe es einen Fahrplan für die Verhandlungen. Stoisch zu wiederholen, was Kim für ein grossartiger Führer sei, reiche eben nicht, kritisierte Yun.

Vor allem in Südkorea ist die Enttäuschung gross über den vorzeitigen Abbruch. Zunächst hiess es aus südkoreanischen Regierungskreisen: Man sei «perplex». Trump und Kim hätten «mehr bedeutende Fortschritte erzielt als je zuvor», heisst es in einer knappen Erklärung des Präsidialamts in Seoul einige Stunden später. Südkoreanische Medien berichten jedoch, dass Präsident Moon Jae In «entsetzt» auf den Ausgang reagiert habe. Moon habe fest mit konkreten Ergebnissen gerechnet. Selbst den Abschluss einer Friedenserklärung mit Nordkorea hielt er in Hanoi für möglich.

Seit dem Ende des Korea-Kriegs 1953 befinden sich Südkorea und die USA im Kriegszustand mit Nordkorea. Moon hat sich in den vergangenen Monaten besonders intensiv um eine Verständigung mit dem Kim-Regime bemüht, dafür im eigenen Land aber auch jede Menge Kritik einstecken müssen. Seine Kritiker sehen sich nun bestätigt.

Aber auch in China zeigte sich die dortige Führung überrascht. Die Gespräche in Hanoi hätten einen «unerwarteten» Ausgang genommen, sagte der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. Sein Land hoffe, der Dialog zwischen den USA und Nordkorea werde fortgesetzt.

Peking ist besorgt

Der offiziellen Lesart zufolge begrüsst die chinesische Führung die Annäherungspolitik zwar. Hinter den Kulissen befürchtet Peking jedoch, bei den Verhandlungen aussen vor gelassen zu werden. China ist Nordkoreas einziger Verbündeter. Mehr als 90 Prozent des nordkoreanischen Handels läuft über den grossen Nachbarn. Das Verhältnis zwischen Peking und Pjöngjang hatte sich verschlechtert, nachdem der junge Kim 2013 die Macht übernahm. Erst seit einigen Monaten nähern sich die beiden wieder an.

Die Führung in Peking will nicht, dass Nordkorea eine eigenständige Nuklearmacht ist. Eine noch stärkere Präsenz der Amerikaner lehnt sie jedoch auch ab. Einigen in Peking dürfte der Ausgang in Hanoi daher gefallen.