Was hat das Treffen zwischen Trump und Kim gebracht?

Michael Paul: Wichtig ist, dass der Gipfel überhaupt stattfand, obwohl es kein Fortschritt in der Sache, sondern hauptsächlich ein gewaltiger Prestige-Erfolg für Kim war. Es ist auf jeden Fall besser, diplomatisch zu verhandeln, als aufeinander zu schiessen. Wir standen in Nordkorea ja kurz vor einer Eskalation.

Ein Erfolg vor allem für den nordkoreanischen Machthaber. Warum?

Nordkorea hat jahrzehntelang darauf hingearbeitet, auf Augenhöhe mit den USA wahrgenommen zu werden. Wenn Sie sich einmal vor Augen halten, wie lange China daran arbeiten musste und noch immer muss, um als gleichrangig mit den USA zu gelten, war dieses Treffen für das Regime in Pjöngjang ein grosser Erfolg. Die Inszenierung des Treffens zeigt, wie sehr Nordkorea darum bemüht war, auf gleichem Level wie die USA behandelt zu werden – was die Zahl der Teilnehmer der beiden Delegationen, was die Zahl der Flaggen im Raum illustriert.

Die Aussenwirkung des Gipfels ist zweifellos für den Führerkult in Nordkorea extrem zuträglich. Das ist die bittere Seite für die demokratischen Staaten im Westen: Sie müssen mit Erschrecken konstatieren, wie sehr der Präsident der Vereinigten Staaten auf Diktatoren wie Kim Jong Un zuzugehen bereit ist.

Frühere, vergleichbare Vereinbarungen zwischen Nordkorea und den USA sind stets gescheitert.

Ob wir dieses Mal auf die Absichtserklärung vertrauen können – ob auch Kim Trump wird vertrauen können –, das ist ziemlich unsicher. Die beiden Staaten stehen vor einem langwierigen Verhandlungsprozess, es ist ein Geben und ein Nehmen. Falls es überhaupt jemals zu Abrüstungsschritten kommen wird, dann wird das noch Jahre dauern. Man darf nicht vergessen, dass es sich um über 140 nordkoreanische Anlagen handelt, die mit der Herstellung von Massenvernichtungswaffen im Zusammenhang stehen. Zudem gibt es vermutlich auch Anlagen, die den USA bis heute gar nicht bekannt sind.

Wie stark ist das Vertrauen Kims in den als unstet geltenden US-Präsidenten?

Kim fürchtet noch immer ein Szenario, wie es dem libyschen Staatschef Ghadhafi einst widerfahren ist. Dass er nämlich abrüstet und danach vom eigenen Volk von der Macht gefegt wird.

Wenn das so ist, dürfte Kim kaum ein Interesse an einer nuklearen Abrüstung haben – Nordkorea ohne Atomwaffen ist für die Welt keine Bedrohung mehr, Kim verlöre seine politische Legitimation.

Das Problem ist, dass wir im Augenblick gar nicht wissen, was unter der kompletten Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu verstehen ist. Aus nordkoreanischer Sicht kann die nukleare Abrüstung den vollständigen Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus der Region bedeuten, die ja ihrerseits «nuklearwaffenfähig» sind.

Und ja: Kims wichtigstes Element seiner Legitimation als «grosser Führer» ist, dass er seinen Staat – in der Verfassung verankert – zu einem Nuklearwaffenstaat gemacht und erklärt hat. Bei einer atomaren Abrüstung hätte Kim vieles zu verlieren, die Denuklearisierung würde seine politische Legitimation unterminieren. Die nachhaltige Entspannung mit dem Westen ist auch mit einem für Nordkorea sehr schwierigen innenpolitischen Prozess verbunden.

Demnach sind die Chancen für eine Denuklearisierung gering?

Kommt es tatsächlich zu einer nuklearen Abrüstung, wird das von der internationalen Gemeinschaft mit sehr viel Geld und Entgegenkommen bezahlt werden müssen.

Welchen Weg sehen Sie für Nordkorea im besten Falle? Den Weg, den China eingeschlagen hat?

Sie meinen, dass sich Nordkorea quasi zu einer Entwicklungsdiktatur hinbewegt? Das könnte ein Weg sein. Sicher ist: Der Abrüstungsprozess in Nordkorea alleine dürfte viele Jahre dauern. Eine Öffnung des Landes wird noch sehr viel längere Zeit in Anspruch nehmen.

Hat der unberechenbare Donald Trump die Geduld dafür?

Wir stehen hier vor einem sehr komplizierten und langwierigen Verhandlungsprozess, der in der Tat die Geduld von Donald Trump sehr strapazieren wird. Es ist nicht auszuschliessen, dass dieser Prozess mit einem furiosen Tweet von ihm sehr schnell und abrupt wieder beendet wird.