USA

Genug ist genug: Hunderttausende protestieren gegen Waffengewalt an Schulen

Landesweit haben am Samstag Hunderttausende von Menschen im Nachgang zum Massaker an einer Sekundarschule in Parkland gegen die grassierende Waffengewalt und für schärfere Waffengesetze demonstriert. In Washington stand die Demonstration ganz im Zeichen junger Aktivisten.

Sein bester Freund befindet sich immer noch in Spitalpflege – weil er am 14. Februar, als ein 19-Jähriger ziellos in der Sekundarschule von Parkland (Florida) 17 Menschen ermordete, selbstlos versuchte, seine Klassenkameradinnen und -kameraden vor dem Amokläufer zu beschützen.

Carlos Rodriguez aber überlebte das Massaker in der Marjorie Douglas Stoleman High School unverletzt. Und fünf Wochen später steht er nun auf der Pennsylvania Avenue in Washington, umgeben von Hunderttausenden von Demonstranten, die sich an diesem Samstag versammelt haben, um für schärfere Waffengesetze zu demonstrieren. Und Carlos wirkt emotional – weil es ihm, und seinen Altersgenossen aus Parkland gelungen ist, innerhalb kurzer Zeit eine Volksbewegung auf die Beine zu stellen. So finden am Samstag im ganzen Land Hunderte von Demonstrationen statt. Und weil sich Rodriguez an diesem Tag immer und immer wieder an die wohl schlimmsten Stunden seines jungen Lebens erinnern muss.

Als er gefragt wird, wie es ihm gelinge, das Massaker zu verarbeiten, sagt er: «Ich versuche, in Bewegung zu bleiben und nicht zur Ruhe zu kommen.» Aber wenn er alleine sei, dann werde er immer wieder von den Emotionen überwältigt. Der Massenauflauf in der amerikanischen Hauptstadt gebe ihm nun Hoffnung, dass es den jungen Aktivisten gelingen werde, ein Ziel zu erreichen, das für die meisten Politiker als unerreichbar gilt: ein Ende der grassierenden Waffengewalt in den USA. «Genug ist genug», sagt Rodriguez.

Dieser Slogan ist an diesem freundlichen Frühlingstag überall in Washington zu vernehmen. Aus dem ganzen Land sind die Demonstranten angereist, aus Weston (Florida), Dallas (Texas) oder aus Chelmsford (Massachusetts): Schüler, Eltern, Grosseltern und linke Aktivisten sämtlicher Schattierungen. Und immer wieder sind junge Bewohner von Parkland zu sehen, die sich durch die Menschenmassen kämpfen und mit warmem Applaus begrüsst werden. «Wir sind auf eurer Seite», rufen die Demonstranten, und: «MDS, MDS», die Abkürzung der High School.

«Polieren Sie Ihren Lebenslauf auf!»

Auf einer Bühne am Ende der Pennsylvania Avenue, die das Weisse Haus mit dem Parlamentsgebäude verbindet, sprechen derweil junge Menschen darüber, wie sich ihr Alltag verändert habe, weil nicht einmal mehr Schulen sicher vor bewaffneten Amokläufern seien. So ergreift David Hogg aus Parkland das Wort, ein begabter Redner, der in den vergangenen Wochen mit seiner ätzenden Kritik am politischen Betrieb aufgefallen ist.

Der 17-Jährige sagt, dass sich Volksvertreter, die von der Waffenlobby NRA (National Rifle Association) unterstützt werden, warm anziehen müssten. Wer es erlaube, dass unschuldige Kinder «abgeschlachtet» würden, werde bald arbeitslos sein. «Polieren Sie Ihren Lebenslauf auf!», sagt Hogg an die Adresse derjenigen Parlamentarier, die Spendengelder von der NRA erhielten. (2018 wird in den USA das nationale Parlament neu gewählt und Anspielungen auf das Ende der republikanischen Vorherrschaft im Senat und im Repräsentantenhaus sind unter den Demonstranten höchst beliebt.)

6 Minuten und 20 Sekunden

Emma González wiederum, auch sie eine Überlebende des Massakers, spricht während 6 Minuten und 20 Sekunden – so lange habe es gedauert, bis der 19-jährige Amokläufer 17 Menschen ermordet habe. Dann sagt González unter Tränen: «Kämpft für Euer Leben, bevor jemand anders diesen Job übernehmen muss!»

Es sprechen aber auch Kinder, deren Botschaft normalerweise auf taube Ohren stössts. So erzählt der Sekundarschüler Zion Kelly aus Washington, wie er im September seinen Zwillingsbruder verloren habe, der während eines Raubüberfalls getötet wurde. «Ich bin hier, um die Hunderttausenden von Schülern zu vertreten, die jeden Tag in Paranoia und Angst leben, wenn sie sich auf dem Schulweg befinden», sagt er. Der junge Afroamerikaner endet seine Rede mit der Kampfansage der neuen Volksbewegung: «Mein Name ist Zion Kelly und genug ist genug.»

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