Nach «zehn bis zwölf Stunden» steht sein Entschluss fest. Lippestad übernimmt den Fall und verteidigt den zweifellos meistgehassten Mann des Landes. Leicht fiel ihm die Entscheidung aber nicht. «Meine erste Reaktion war, dass das zu schwierig ist», sagt der makellos gekleidete Anwalt mit glatt rasiertem Schädel.

Er habe gezögert, ob er den Fall annehmen solle. Dann aber habe er mit seiner Familie darüber gesprochen und entschieden, dass es Zeit sei, «an die Demokratie zu denken». «Ich halte das Rechtswesen für einen sehr wichtigen Bestandteil der Demokratie, und einer muss die Arbeit machen», sagt er. Also nimmt er die schwere Aufgabe an.

Besonders paradox ist, dass Breivik nach Angaben seines Anwalt «jeden hasst, der an die Demokratie glaubt» und sich seine Anschläge gegen die regierende Arbeiterpartei richteten - die Partei, in der auch Lippestadt Mitglied ist.

Er könne sich nicht erklären, warum Breivik ihn mit seiner Verteidigung beauftragt habe, sagt Lippestad. Ein Grund könne sein, dass Breivik vor einigen Jahren ein Geschäft nahe seiner Kanzlei betrieben habe. Seines Wissens nach liefen sie sich damals aber nie über den Weg.

«Mein Ziel ist es, diesen Fall in professioneller Weise zu behandeln», sagt der Anwalt. Trotz des nationalen Traumas durch die Anschläge glaube er an das Rechtssystem seines Landes.

Fairer Prozess

Wie das restliche Norwegen sei auch er «geschockt» über die beiden Taten gewesen. «Niemand fühlt sich von dieser Sache nicht betroffen, dennoch wird er einen fairen Prozess bekommen», erklärt Lippestad.

Norwegischen Medienberichten zufolge erhielt Lippestad bereits Drohungen, seit er sich entschied, Breivik zu verteidigen. Er selbst will das nicht bestätigen.

Angst vor Übergriffen habe er nicht. Viele Menschen seien mitfühlend, und er fühle sich sicher genug, einfach auf die Strasse zu gehen und sich in ein Café zu setzen. «Einige Leute kommen dann auf mich zu und sprechen mich an. Wir leben in einem besonderen Land, und ich bin sehr stolz darauf», sagt er.

Nicht erster Aufsehen erregender Fall

Lippestad übernahm schon einmal einen Fall, der nicht nur in Norwegen für Aufsehen sorgte: 2002 verteidigte er Ole Nicolai Kvisler, der für einen Mord zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Tat wurde von der politischen Klasse damals als «erstes rassistisches Verbrechen» in der Geschichte Norwegens bezeichnet.

Kvisler und ein Komplize gehörten der Neonazi-Gruppe Bootboys an und wurden für schuldig befunden, 2001 den 15-jährigen norwegisch- ghanaischen Jugendlichen Benjamin Hermansen auf einem Parkplatz nahe Oslo erstochen zu haben.

Der Fall löste damals eine Welle der Entrüstung aus. Ministerpräsident Jens Stoltenberg rief zu einer «Null-Toleranz»- Politik gegenüber dem Rassismus auf. Und Michael Jackson widmete sein letztes Album «Benny».

Für geisteskrank erklären lassen

Weil es sein neuer Fall verlangt, hat Lippestad begonnen, das 1500 Seiten starke Manifest Breiviks zu lesen - eine islamophobe und antimarxistische Schmähschrift, die der 32-Jährige vor seinem Massaker ins Internet stellte. Aber es sei nicht seine Aufgabe, Breiviks politische Botschaft zu verbreiten, betont Lippestad.

Seine Verteidigungsstrategie hat er noch nicht dargelegt, seine Äusserungen lassen aber vermuten, dass er seinen Mandanten für geisteskrank erklären lassen will. «Dieser ganze Fall deutet darauf hin, dass er verrückt ist», sagte Lippestad am Dienstag.

Würde er sich angesichts ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen nicht sogar wünschen, den Fall zu verlieren? Lippestad beantwortet das mit einem Nein.