Morgen verkündet das norwegische Nobelkomitee den Gewinner des diesjährigen Friedensnobelpreises. Seit März ist klar: Dieses Jahr gab es 241 Kandidaten, darunter 53 Organisationen. Die Liste ist offiziell geheim, doch die Favoriten für den illustren Preis sind inzwischen trotzdem durchgesickert.

Kurz vor der Vergabe spekulierte Kristian Berg Harpviken am vergangenen Sonntag in einem Vortrag vor dem Nobel-Friedenszentrum in Oslo darüber, wer die besten Karten im Rennen hat. Berg Harpviken ist der Direktor des Peace Research Institute in Oslo (PRIO) und hat als norwegischer Friedensforscher intime Kenntnisse der Vergabe des Nobelpreises.

Erst zwölfmal an eine Frau

Der Insider glaubt, dass 2011 zwei Faktoren die Erwägungen des Nobelkomitees beeinflusst haben. Erstens sei die panarabische Revolution in Nordafrika ganz klar die bedeutendste politische Entwicklung des Jahres gewesen. Damit das Komitee relevant bleibe, so Berg Harpviken, komme es wahrscheinlich nicht darum herum, eine führende Persönlichkeit des Arabischen Frühlings auszuzeichnen. Zweitens sei die Zeit reif für eine Frau. In der 110-jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises haben nur gerade zwölf Frauen die begehrte Ehrung erhalten, zuletzt Schirin Ebadi (Iran, 2003) und die kürzlich verstorbene Wangari Maathai (Kenia, 2004).

Berg Harpviken glaubt deshalb, dass die ägyptische Internetaktivistin Israa Abdel Fattah oder die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni morgen einen Anruf aus Oslo erhalten könnten. Die als «Ägyptens Facebook-Girl» bekannt gewordene Israa Abdel Fattah hatte 2008 im Internet die «Jugendbewegung des 6. April» gegründet. Die Pionierin im Einsatz von neuen Medien zur Organisation von Massenprotesten gegen das Mubarak-Regime wurde 2008 verhaftet – und wurde zur Ikone des gewaltlosen Widerstands gegen die verhasste Diktatur. Im Januar 2011 tauchte Abdel Fattah wieder auf. Die von ihr mitbegründete Jugendbewegung organisierte die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, die zum Sturz Mubaraks führten.

Die arabische Revolution angestossen hatte Ägyptens Nachbarland Tunesien. Die Unidozentin Lina Ben Mhenni hatte in ihrem Blog die autoritären Tendenzen des Regimes von Zine el-Abidine Ben Ali schon lange vor den konkreten Unruhen angeprangert, die schliesslich im Januar 2011 den Diktator zur Flucht aus Tunesien trieben. Es wäre allerdings das erste Mal, das eine Journalistin beziehungsweise eine Bloggerin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Unter den Favoriten sind auch der Informatiker und Google-Mitarbeiter Wael Ghonim, eines der führenden Gesichter der ägyptischen Revolution, oder die tunesische Menschenrechtsanwältin Radhia Nasraoui.

Massaker von Utoya

Das fünfköpfige Komitee beriet Ende September über die Nominationen und traf seine Entscheidung. Norwegen war zu diesem Zeitpunkt immer noch im Schockzustand nach dem Amoklauf in Utoya. Das Komitee könnte deshalb mit dem jordanischen Universitätsprofessor Ghazi bin Muhammad, einem Advokaten von Dialog zwischen den Religionen, dem aktuellen Thema Multikulturalismus und Islam in Europa breite Aufmerksamkeit schenken.

Chancen werden nach zehn Jahren Afghanistankrieg auch der afghanischen Menschenrechtsaktivistin Sima Simar eingeräumt sowie nach Wladimir Putins angedrohter Rückkehr auf den Präsidententhron Svetlana Gannushkina und ihrer russische Organisation «Memorial».

Im letzten Jahr war Wikileaks-Gründer Julian Assange hoch gehandelt worden – doch nach der jüngsten Veröffentlichung von Klarnamen in Dokumenten dürfte das Komitee die Finger davon lassen.