Bereits in den kommenden Tagen wollen die USA nach Angaben aus amerikanischen Regierungskreisen einen «direkten Dialog» mit Iran eröffnen. Gemeinsam will man nach Wegen suchen, um die sunnitische Isis-Terrormiliz im Irak zurückzuwerfen.

Die grundsätzliche Bereitschaft, mit den Vereinigten Staaten «Massnahmen gegen Terrorgruppen im Irak zu unternehmen», hatte zunächst Irans Staatspräsident Hassan Rohani verkündet. Der liberale Politiker wurde daraufhin von Hardlinern in seinem Land scharf kritisiert. Sie bezeichneten die USA als «Brandstifter» im Irak, mit denen man keine gemeinsame Sache machen könne.

Vorbehalte gegen eine Kooperation mit dem langjährigen iranischen «Erzfeind» gibt es auch in den USA. Die Kritiker in beiden Ländern sollten sich allerdings im Klaren darüber sein, dass für abwartendes Taktieren aus ideologischen Gründen jetzt keine Zeit mehr ist. Washington und Teheran müssen handeln. Sie sitzen, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, im Irak im gleichen Boot, das untergehen könnte, falls jetzt nicht gemeinsam gehandelt wird.

Noch haben die USA die Gelegenheit, die fatalen Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Während des iranisch-irakischen Krieges (von 1980 bis 1988) hatte Washington Saddam Hussein unterstützt. Als der irakische Diktator damals Chemiewaffen gegen die Iraner einsetzte, schwiegen die Amerikaner.

Erst als Saddam 1990 Kuwait überfiel, erkannten die US-Strategen, dass sie im Nahen Osten auf das falsche Pferd gesetzt hatten. Dennoch dauerte es weitere 13 Jahre, bis Saddam Hussein im Rahmen einer schlecht vorbereiteten Invasion gestürzt wurde. Hätten die USA früher gehandelt, wäre der Region viel Leid erspart geblieben.

Keine Zeit für Schuldzuweisungen

Für gegenseitige Schuldzuweisungen ist aber jetzt keine Zeit mehr. Die ruchlos vorgehenden Terroristen der Isis wollen die Uhren im Irak zurückdrehen. Mit ihnen im Bunde sind die von Ministerpräsident Nuri al-Maliki gedemütigten Gefolgsleute von Saddam Hussein. Obwohl die Sunniten nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, betrachten sie den Irak als einen «sunnitischen Staat», in dem die schiitische Bevölkerungsmehrheit allenfalls die zweite Geige spielen darf.

Für die Isis-Terroristen sind Schiiten Ungläubige. Was ihnen blüht, zeigen die am Wochenende ins Internet gestellten Fotos und Filme der Massaker an mehr als 1000 schiitischen Soldaten.

Sollte es der Isis gelingen, Bagdad sowie die heiligen Stätten der Schiiten in Kerbala und Nadschaf zu erobern, sind Blutbäder unvorstellbaren Ausmasses zu erwarten. Iran sähe sich gezwungen, mit seiner Armee im Irak zu intervenieren. Von einem neuen persisch-arabischen Krieg würde auch die arabische Golfküste mit Saudi-Arabien erfasst werden.

Washington und Teheran könnten die drohende Apokalypse mit einem gemeinsamen Handeln und deutlichen politischen Botschaften an alle Parteien im Nahen Osten verhindern.