Berlin

Beate Flanz wurde von einem Lastwagen überrollt: «Ich bin ein Monster geworden. Äusserlich. Und auch innerlich»

Der Lastwagen, von dem Beate Flanz überrollt wurde, führte 32 Tonnen Kies mit sich. Der Fahrer hat sich bis heute nie bei ihr gemeldet. Eine Geschichte von Verzweiflung, Wut und einer Fahrradtour über die slowenischen Alpen.

Beate Flanz erzählt, sie sei 24 Stunden am Tag aktiv gewesen. Im Sommer, im Winter, bei Wind und Wetter. Kajak, Langlauf, reiten. Und Fahrradfahren. 12'000 Kilometer pro Jahr. Optimistisch, lebensfroh, so umschreibt sie sich selbst. Sie hat die Wände selbst gestrichen, die Böden selbst gefliest. Eine Frohnatur, geschätzt, beliebt. Hilfe hat Beate Flanz keine gewollt, vielmehr war sie es, die Freunden beim Heimwerken unter die Arme gegriffen hat.   

Heute gibt es diese Beate Flanz von damals nicht mehr. Es ist der Dienstagnachmittag vor Ostern. Die Sonne scheint auf den kleinen Balkon von Beate Flanz’ Wohnung im Berliner Bezirk Spandau, Katze Lisa streicht um den Stuhl. Eine ruhige Gegend im Süden der Hauptstadt. Flanz sitzt auf einem Gartenstuhl. Rechts trägt sie eine Beinprothese, den rechten Arm kann sie nicht mehr bewegen, das rechte Auge ist erblindet, die Gesichtshälfte gelähmt.

Den Mund kann sie nicht mehr richtig schliessen. Sie schluckt starke Psychopharmaka gegen die Stimmungsschwankungen. Manchmal denkt Beate Flanz an solchen Tagen an damals, die Zeit vor dem Unfall.

Dann steigt diese unbändige Wut in ihr hoch, Verzweiflung macht sich breit, weil sie Hilfe braucht für jede Kleinigkeit. Sie kann es kaum ertragen, dass sie es alleine nicht einmal mehr fertig bringt, eine Tasse Tee von der Küche auf den Balkon zu tragen.

Wenn sie danach gefragt wird, welche Gefühle sie in sich trage, dann sagt sie: «Wut, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.» Nach einer Pause schiebt sie nach: «Ich bin ein Monster geworden. Äusserlich. Und auch innerlich.»

Wiederkehrende Träume im Krankenhaus

Es ist ein Mittwoch im Oktober 2017. Beate Flanz schwingt sich kurz nach acht Uhr morgens auf ihr Fahrrad, die damalige Sachbearbeiterin der Deutschen Rentenversicherung ist auf dem Weg zur Arbeit. 15,5 Kilometer von Haustür zum Büro. 500 Meter vor dem Ziel ist da noch diese eine grosse Kreuzung. Sie hat sie schon hundertmal überquert. Sie steht mit dem Velo vorne an der roten Ampel, leicht versetzt vor den wartenden Autos. Die Ampel springt auf Grün, Beate Flanz tritt in die Pedale, fast schon ist die Kreuzung überquert.

Dann taucht diese Führerkabine ­direkt neben ihr auf, aus dem Nichts. Sie weicht im Reflex nach rechts aus, alles geht in Sekundenbruchteilen. Dann wird sie vom Lastwagen, der 32 Tonnen Kies mit sich führt, erfasst. Von vier Achsen überrollt. Der Lastwagen fährt noch viele Meter weiter, der Fahrer hat Beate Flanz nicht einmal bemerkt.

Die Berlinerin liegt am Boden. Schmerzen hat sie keine. Dass ihr Bein plattgewalzt ist, ihre Hüfte zerschmettert, ihr Kiefer und ihr Arm kaputt sind, das bemerkt sie nicht.

In der Polizeiakte wird vermerkt, dass Beate Flanz eine Überlebenschance von gegen null Prozent eingeräumt wurde.

Elf Monate wird sie im Krankenhaus verbringen, unzählige Male wird sie operiert, ins künstliche Koma versetzt.

In den Zeitungen gibt es eine Kurzmeldung. «Fahrradfahrerin von rechtsabbiegendem Lastwagen erfasst und schwer verletzt.» Der Fahrer des Lastwagens, ein damals 38 Jahre alter Mann, hat sich bis heute nie bei Beate Flanz gemeldet, nie nachgefragt, wie es ihr geht. Auch nicht das Unternehmen aus Brandenburg, in dessen Auftrag der Kiestransporter unterwegs war. Keine Karte, keine Blumen, kein Besuch, kein Anruf. Einfach nichts.

Im Durchschnitt verlieren in Deutschland über 30 Fahrradfahrer jährlich ihr Leben, weil sie von Last­wagen beim Rechtsabbiegen übersehen werden. Die EU will in den nächsten Jahren Abbiegeassistenten für Busse und Lastwagen verpflichtend einführen, Deutschland unterstützt schon jetzt Fuhrunternehmen mit jährlich fünf Millionen Euro, die ihre Brummis mit modernen Assistenten umrüsten, damit die Chauffeure akustisch gewarnt werden, wenn sich Fahrradfahrer im toten Winkel befinden.

Ein solcher Assistent hätte den Unfall von Beate Flanz wohl nicht verhindert, der LKW war zu schnell unterwegs, der Fahrer offenkundig schlicht unaufmerksam.

Aber vielleicht können solche Assistenten andere Leben retten, Unfälle verhindern. Möglicherweise würde Beate Flanz einen leichteren Umgang finden mit ihrem Schicksal, trüge sie ­einen Glauben in sich, könnte sie alles auf Gott schieben und auf höhere Mächte und daraus neue Kraft ziehen. Dankbar sein, dass sie es doch geschafft hat.

Diesen Glauben an etwas Höheres hat sie nicht. Sie sagt auch nicht, dass sie Glück gehabt habe an jenem Mittwoch im Oktober.

Noch heute denkt sie manchmal, es wäre besser gewesen, der Lastwagen hätte sie totgefahren. «Ich bin nicht mehr, wer ich mal war», sagt sie einmal. Oder auch: «Ich bin Gefangene meines Körpers.»

Und doch erzählt sie von diesen immer wiederkehrenden Träumen, als sie im Krankenhaus gelegen hatte. Als sie geträumt hatte, jemand trachte nach ihrem Leben, als sie stetig weggerannt war vor dem Tod, fast in jeder Nacht derselbe Traum. «Ich wollte unbedingt überleben.»

Germany, Berlin, 2019/04/17 Beate Flanz,in ihrer Wohnung in Berlin. (Photo by Gregor Zielke) -

Beate Flanz.

Germany, Berlin, 2019/04/17 Beate Flanz,in ihrer Wohnung in Berlin. (Photo by Gregor Zielke) -

Abbiegeassistenten für alle Lastwagen

Sie hat überlebt. Beate Flanz ist ein Energiebündel, doch die Energie kann nicht raus aus ihrem Körper, bislang macht sie sich in Form dieser grossen Wut bemerkbar.

Wut auch auf den Fahrer, dem sie demnächst vor Gericht begegnen wird und der wegen fahrlässiger Körperverletzung wohl mit einer Geldstrafe davonkommen wird. «Das war keine fahrlässige Körperverletzung, das war eine Zerstörung», will sie dem Mann ins Gesicht sagen. Er solle seinen Führerschein lebenslang abgeben, damit er nie mehr vergessen wird, was er mit seiner Unachtsamkeit angerichtet hat, sagt Beate Flanz.

Sie engagiert sich öffentlich, um den Opfern von Fahrradunfällen eine Stimme zu geben, sie legt sich ins Zeug, damit jeder Lastwagen ­einen Abbiegeassistenten eingebaut ­bekommt. Dafür tritt sie im Fernsehen auf, gibt Interviews, nächste Woche trifft sie den deutschen Verkehrsminister Andreas Scheuer.

Nach Ostern erhält Beate Flanz ein neues Fahrrad, eines mit drei Rädern. Ein sogenanntes Trike. Auf dem Tischchen vor ihr liegt ein Magazin des «Allgemeinen deutschen Fahrrad-Clubs» (ADFC), sie schlägt eine Seite auf. Ab Juni bietet Beate Flanz wieder Stadttouren für Touristen und Fahrradbegeisterte an. «Berlin mit Rad und Kamera neu entdecken», heisst es dazu im Magazin. Flanz ist nämlich auch passionierte Fotografin. Seit Jahren schiesst sie ihr «Foto des Tages», in gebundenen Büchern werden die Aufnahmen später verewigt, geordnet nach Jahren.

Germany, Berlin, 2019/04/17 Beate Flanz,in ihrer Wohnung in Berlin. (Photo by Gregor Zielke) -

Beate Flanz.

Germany, Berlin, 2019/04/17 Beate Flanz,in ihrer Wohnung in Berlin. (Photo by Gregor Zielke) -

Das Foto des Tages an diesem Dienstag könnte die kleine Fuchsfamilie sein, die auf der Wiese gegenüber aus dem Fuchsbau kriecht. Sechs Jungfüchse. Beate Flanz zückt ihre Spezialkamera, mit der sie auch mit nur einer Hand Schärfe einstellen und gleichzeitig abdrücken kann.

Fast beiläufig erzählt sie zum Ende, dass sie Mitte Mai ihre erste grosse Reise nach dem Unfall antreten wird. Zusammen mit ihren Freundinnen will sie mit dem Trike die slowenischen Alpen überqueren. Sie hat Respekt vor dem Trip, das ist spürbar. Aber sie lächelt, wenn sie davon erzählt. Sie sagt auch, dass sie «wieder etwas anpacken» wolle. Was genau, das weiss sie selbst noch nicht. «Ich habe auf ganz viele Sachen Lust», meint sie auch einmal.

In diesen Augenblicken weicht die Wut der Vorfreude auf das, was kommen wird.

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