Im Internet tobt die Story seit Wochen. Also beschloss Edgar Maddison Welch, der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Der 28 Jahre alte Mann aus einer Provinzstadt in North Carolina fuhr am Sonntag in die amerikanische Hauptstadt, um der Pizzeria «Comet Ping Pong» an einer Ausfallstrasse Washingtons einen Besuch abzustatten.

Mit zwei Feuerwaffen verschaffte sich der registrierte Republikaner gegen 15 Uhr (Lokalzeit) Zutritt zum Lokal an der Connecticut Avenue, und begann, Kunden und Angestellte zu bedrohen und um sich zu feuern. Schliesslich ergab sich Welch kampflos der Polizei. Zum Glück wurde niemand verletzt. Später sagte er gemäss einer Medienmitteilung, er habe das Restaurant betreten, um Ermittlungen in der «Pizza Gate»-Affäre anzustellen.

«Pizza Gate»? Was nach einer Verschwörung italienischer Gastronomen klingt, ist in Wahrheit eine erfundene Räuberpistole, in der hochrangige Politiker der Demokraten, der Besitzer von «Comet Ping Pong», angebliche Päderasten und Sexsklaven eine wichtige Rolle spielen.

Dutzende von Menschen scheinen diese «Fake News» zu glauben. Jedenfalls wurde auch am Montag auf Online-Plattformen heftig diskutiert, welche Rolle Edgar Maddison Welch wohl gespielt habe – bereits wurde spekuliert, dass der Zwischenfall bloss inszeniert («False Flag Operation») worden sei, um vom eigentlichen Skandal abzulenken.

Es begann mit gehackten Mails

Tatsache ist, dass «Comet Ping Pong» seit einigen Wochen im Zentrum einer bizarren Auseinandersetzung steht. Die Kontroverse begann mit der Veröffentlichung von gehackten E-Mails von John Podesta, dem damaligen Wahlkampfmanager der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Podesta stand im losen Kontakt mit James Alefantis, dem Besitzer der Pizzeria. Ausserdem handelt es sich bei Alefantis um den früheren Freund und Partner von David Brock, einem wichtigen Alliierten der Clintons. Angeblich tauschten sich Podesta und Alefantis in Codewörtern aus, die darauf hindeuteten, dass der Pizzeria-Besitzer Kinder versklave. Obskure Symbole auf der Speisekarte und Bilder mit geschmackslosen Kommentaren auf dem Instagram-Konto Alefantis bestätigten den anfänglichen Verdacht.

Anfänglich beschränkten sich die Hobby-Ermittler bloss darauf, auf Seiten wie 4Chan und Reddit obskure Datenpunkte miteinander zu verbinden. Dann begannen sie, «Comet Ping Pong» telefonisch zu belästigen. «Ich werde Sie persönlich töten», sagten die unbekannten Anrufer. Und schliesslich tauchten plötzlich wildfremde Menschen im Restaurant auf, die einen Blick auf den Keller werfen wollten, in dem angeblich Kinder gefangen gehalten und gefoltert würden. Oder sie wollten die Tunnels sehen, mit denen diverse Betriebe in der Umgebung – die alle von Clinton-Sympathisanten kontrolliert werden – verbunden seien.

Alefantis sagte, die Geschichte sei erstunken und erlogen, schaltete die Bundespolizei FBI ein, und stellte Sicherheitspersonal an. Reddit, die bekannte Debatten-Plattform im Internet, löschte sämtliche «Pizza Gate»-Diskussionen. Alles half nichts. Zuletzt zwitscherte am Wochenende Michael Flynn: «Solange niemand beweisen kann, dass #Pizzagate falsch ist, wird es eine Geschichte bleiben.» Bei Flynn handelt es sich um den Sohn von Mike Flynn, der in der Regierung von Präsident Donald Trump als Nationaler Sicherheitsberater amtieren wird.