Stacheldraht liegt da, an die verrosteten Metallzäune hat jemand ein paar Plastikblumen gebunden, eine rote Fahne flattert im Wind. «1993» steht auf einer Sperrholzplatte, rot-schwarz-gelb angemalt. Hier, zwischen Fussballfeld und Spielplatz, finden sich die Überbleibsel jenes Datums im Oktober vor 25 Jahren, an dem Russland einen Weg einschlug, den es bis heute geht.

Es sind die Reste eines Bürgerkrieges, auf einen Haufen zusammengeworfen; wie auch das Ereignis, das so viele heute vergessen wollen und vergessen haben, auf dem Haufen der Geschichte gelandet ist, als wäre es ein böser Traum.

Im Jahr 1993 hatten sich der erste freigewählte russische Präsident Boris Jelzin und das erste freigewählte russische Parlament heillos zerstritten. Jelzin wollte mit Sondervollmachten die sogenannte «Schocktherapie» der Wirtschaft vorantreiben, die Abgeordneten bremsten, wo sie nur konnten, und verlangten mehr Vollmachten für sich selbst.

Der Streit dieser zwei Mächte dauerte Monate, bis Jelzin am 21. September das Parlament kurzerhand für aufgelöst erklärte. Ein Verfassungsbruch. Das Parlament setzte daraufhin Jelzin ab und bestellte seinen Vize Alexander Ruzkoj zum neuen Präsidenten. Der junge russische Staat fiel in sich zusammen. Es begann der bewaffnete Kampf.

Die Umkehr der Ereignisse

Auf Befehl Jelzins fuhren am Morgen des 4. Oktober Panzer über die Moskwa-Brücke zum Weissen Haus, in dem es seit Tagen kein Wasser und keinen Strom mehr gab und die Abgeordneten erst im Kerzenschein tagten und sich später verschanzten. Die Armee schoss das Gebäude in Brand, vor dem Jelzin noch zwei Jahre zuvor auf einem Panzer allein mit Worten über die Waffen siegte und die Sowjetunion zu Grabe trug. Nun kehrten sich die Ereignisse um.

Vielen im Parlament, nicht nur den Altkommunisten, auch denen, die mit Jelzin die demokratischen Werte noch verteidigt hatten, ging der harte Reformeifer und der schnelle Griff nach der alleinigen Macht des Präsidenten zu weit. Sie putschten. Mit dem Blutbad aber opferte Jelzin sein demokratisches Erbe, beklatscht von der russischen Intelligenzija, der Gewalt stets fremd war, und dem Westen, der den historischen Kurzschluss guthiess. Der 4. Oktober galt als Sieg der Demokraten über ihre Feinde. Über die Mittel dieses Sieges sprach man kaum, das Bedauern über die Opfer war gering.

So passt es, dass der Gedenkpark hinter dem Weissen Haus, dem heutigen Regierungssitz in Moskau, improvisiert wirkt und ärmlich. Errichtet von den Verlierern der Geschichte, die antisemitische Sprüche auf die Holzkreuze geschrieben haben, die die Sowjetunion lobpreisen und zeigen wollen, wie «mutig und entschlossen» sie sich damals den «Auswüchsen der Demokratie» stellten.

Die Moskauer huschen an der Wand mit den matten Schwarz-Weiss-Bildern der damals Getöteten vorbei, «Kalinin, Konstantin, 14 Jahre, Schüler. Krajuschkin, Jewgeni, 50 Jahre, Abgeordneter. Peck, Rory, 36 Jahre, irischer Journalist». 74 Menschen hatten damals hier ihr Leben verloren.

Was 1991 begonnen wurde, war 1993 ausgelöscht. Die dramatischen Oktober-Ereignisse waren der Beginn von Russlands autoritärer und gewaltsamer Gegenwart. Die Verfassungskrise endete in der politischen und rechtlichen Willkür. Drei Monate nach dem Brand regierte Jelzin als Diktator und präsentierte den Menschen eine neue Verfassung, wie er sie wollte – mit einem starken Präsidenten. Das Parlament war degradiert.

Das ist es bis heute. Jelzin stand fortan an der Spitze eines «neuen» Russland. Die neue Verfassung bot eine unbegrenzte Macht des Präsidenten, errichtete politische Institutionen lediglich zu Dekorationszwecken, schaffte eine Quasi-Einheit zwischen Kreml, Sicherheitsorganen und oligarchischen Wirtschaftsstrukturen, machte den Weg frei zum Missbrauch von Wahlen. Die zentralen Elemente der «gelenkten Demokratie» entstanden so bereits unter Jelzin. Das, was das System Putin heute ausmacht, war in den Tagen nach der politischen Tragödie vor 25 Jahren angelegt.

Putin ist die Fortsetzung Jelzins

Ohne Verfassung und ein Verfassungsgericht hatte Jelzin zunächst allmächtig geherrscht. Die versprochenen Präsidentschaftswahlen verlegte er auf 1996, liess aber bereits im Dezember 1993 ein neues Parlament wählen. Das Volk segnete eine Staatsordnung ab, nach der Jelzin als «Garant der Verfassung» über allen drei Gewalten stand.

Das tut auch Putin heute, der die Enttäuschung der Menschen über die Demokratie in Russland und die harten 1990er- Jahre längst zu einem gesamtgesellschaftlichen Narrativ vermengt hat und eine autoritäre und isolationistische Politik lebt. Doch gerade Jelzins Entscheidung gegen einen Kompromiss mit dem Parlament, gerade auch das Machtstreben des damaligen, äusserst rechthaberischen Parlamentspräsidenten Ruslan Chasbulatow legten das Fundament, auf dem die Putinsche Vertikale der Macht gedeihen konnte. Putin ist kein Gegenentwurf zu Jelzin, er ist dessen Fortsetzung.