In Texas riecht es nach Heimat. Und es fühlt sich sogar ein bisschen so an. Das liegt am geschmolzenen Raclette-Käse, an der Schoggi und an den grölenden Amerikanern, welche sich, meist ziemlich erfolglos, an „Chuchichäschtli“ versuchen. Die Stimmung ist ausgelassen, die texanische Sonne brennt vom Himmel und am Zaun steht ein Bild einer helvetischen Berglandschaft. Mit einer Garten-Party hat die Schweiz den Bundesstaat der Cowboys erobert.

Dort, genauer in der Hauptstadt Austin, fand während zehn Tagen nämlich die gigantische „South by Southwest“ (SXSW) Konferenz statt; eines der weltweit grössten Festivals für Technologie, Musik und Film. Was als lokales Musikfest begann, hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zum wichtigsten Treffpunkt für innovative Denker aus den verschiedensten Branchen entwickelt.

Auch dieses Jahr nahmen fast 90'000 Personen teil und verwandelten die Innenstadt von Austin in eine Mischung aus Partymeile und Tech-Spielplatz. Rund um die Uhr fanden unzählige Podiumsdiskussionen, Konzerte, Filmpremieren und Networking-Events statt. Es ist wohl die einzige Veranstaltungen überhaupt, wo man tagsüber mehrere Stunden ansteht, um einen Platz beim Vortrag von Internet-Pionier Vint Cerf zu ergattern, wo das Gratiskonzert des legendären Wu-Tang-Clans am Abend aber nur zur Hälfte gefüllt ist.

Wer die Zukunft mitgestaltet, ist vor Ort

Gerade diese Vielfalt und das komplett überwältigende Angebot machen die Faszination der Konferenz aus; wer die Zukunft mitgestalten will, muss hier präsent sein.

Das hat unterdessen auch die Privatwirtschaft gemerkt. In den vergangenen Jahren ist der kommerzielle Aspekt der Konferenz immer stärker in den Vordergrund gerückt. Viele Firmen, aber auch ganze Länder, versuchen mit teils äusserst schrägen Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Fast alle wirtschaftlich erfolgreichen Nationen Europas sind seit Jahren beim Festival in Texas präsent, haben dafür ein Millionenbudget zur Verfügung. Das brauchen sie auch, schliesslich kostet die Miete für ein Haus in der Innenstadt während der SXSW mehr als 50'000 Franken pro Tag. Dieses Jahr ist auch die Schweiz erstmals mit einer Delegation dabei – zwar mit kleinerem Budget und ohne Pavillon, aber nicht mit weniger Ambitionen.

The Roots' guitarist Captain Kirk Douglas plays Chuck Berry's "Johnny B. Goode" during the Bud Light x The Roots and Friends Jam Session at 800 Congress during the South by Southwest Music Festival on Saturday, March 18, 2017, in Austin, Texas. (Photo by Jack Plunkett/Invision/AP)

Am Festival wird auch gerockt: Roots' Gitarrist Captain Kirk Douglas gab Chuck Berry's "Johnny B. Goode" zum Besten.

The Roots' guitarist Captain Kirk Douglas plays Chuck Berry's "Johnny B. Goode" during the Bud Light x The Roots and Friends Jam Session at 800 Congress during the South by Southwest Music Festival on Saturday, March 18, 2017, in Austin, Texas. (Photo by Jack Plunkett/Invision/AP)

Von Kunst und Konkurrenz

„Wir wollen der Welt zeigen, wie innovativ die Schweiz ist und dass wir eben mehr sind als das Land der Banken. Diese Positionierung ist auch deshalb wichtig, weil wir in Zukunft neue internationale Firmen zu uns bringen wollen“, erklärt Lukas Sieber von der Organisation „Greater Zurich Area“, welche den Wirtschaftsraum Zürich vertritt.

Der Auftritt der Schweiz wurde im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern nicht vom Bund initiiert, sondern von verschiedenen Stiftungen und Organisationen. Mitgewirkt haben neben der „Greater Zurich Area“ dabei unter anderem auch die Kulturstiftung Pro Helvetia, zwei Standorte vom Netzwerk Swissnex und das Digital Festival in Zürich. „Beim zuständigen Bundesdepartement hat nie jemand die Initiative ergriffen, also haben wir uns im vergangenen Sommer zusammengeschlossen, um unser Land hier in Austin zu vertreten“, so Sieber.

Nicht nur Käse und Schokolade präsentiert

Es wäre jedoch vermessen gewesen, hätte die Schweiz bei der Fülle an konkurrierenden Veranstaltungen und Vorträgen nur auf Käse, Schokolade und andere Klischees gesetzt. Am meisten Eindruck hinterlassen hat man – einmal mehr – mit dem Flugsimulator Birdly, welcher ursprünglich an der Zürcher Hochschule der Künste entwickelt wurde.

Flugsimulator: Mit «Birdly» wie ein Vogel fliegen.

In der riesigen Messehalle in Austin haben sich fast ununterbrochen Menschen um die Apparatur geschart, mit der man dank einer Virtual-Reality-Brille wie ein Vogel durch die Lüfte fliegen kann. Als der Simulator vor einigen Jahren erstmals in den USA gezeigt wurde, war das Ganze noch ein Kunstprojekt; heute ist es eine Firma.

Genau um solche Erfolgsgeschichten zu lancieren, sei die SXSW ideal, erzählt Sophie Lamparter von Swissnex San Francisco: „Hier in Austin können junge Startups optimal den Markteintritt vorbereiten oder Feedback für ihre Produkte und Technologien erhalten. Wir bringen die Projekte einerseits an die South by Southwest, damit sie die Schweiz repräsentieren können, andererseits geht es aber auch darum, Kontakte zu knüpfen und Zusammenarbeiten zu lancieren. Wir wollen den Schweizern die Türen in Amerika öffnen.“

Das Festival in Texas war gleichzeitig auch der Startschuss für das neue Projekt DART17, welches Swissnex mit mehreren Partnern lanciert hat. Damit sollen in Zukunft Start-ups aus den Bereichen Design, Kunst, Forschung und Technologie gefördert werden.

See you next year

Neben den verschiedenen Schweizer Produkten haben auch Wissenschafter von Schweizer Universitäten einige Aufmerksamkeit erhalten. Hervorzuheben sind dabei sicher Stéphanie Lacour und Grégoire Courtine von der EPFL in Lausanne, welche ihre neusten Forschungsergebnisse in Austin präsentierten. Sie zeigten auf, wie sie künstliche Haut hergestellt hatten, beziehungsweise querschnittgelähmte Affen wieder zum Laufen brachten.

Obwohl die Schweiz mit guten Inhalten beeindruckt hat, ist sie in Texas mit einem eher kleinen Auftritt schon fast untergegangen. Das ist nachvollziehbar, hatte man doch mit einem Gesamtbudget von 150'000 Franken nur einen Bruchteil von dem investiert, was andere Länder für die Konferenz ausgegeben hatten.

Ryan Reynolds, left, and Jake Gyllenhaal arrive for the world premiere of "Life" at the ZACH Theatre during the South by Southwest Film Festival on Saturday, March 18, 2017, in Austin, Texas. (Photo by Jack Plunkett/Invision/AP)

Liessen sich ebenfalls blicken: Die Filmstars Ryan Reynolds (links) und Jake Gyllenhaal.

Ryan Reynolds, left, and Jake Gyllenhaal arrive for the world premiere of "Life" at the ZACH Theatre during the South by Southwest Film Festival on Saturday, March 18, 2017, in Austin, Texas. (Photo by Jack Plunkett/Invision/AP)

Wie viel die Präsenz an der SXSW der Schweiz und den beteiligten Startups tatsächlich genutzt hat, das kann man heute noch nicht abschliessend beurteilen. Für die beteiligten Organisationen ist aber klar, dass man im kommenden Jahr mit grösserer Kelle anrichten will: „Es ist schlicht die perfekte Mischung aus Kunst, Technologie und Business. Wir müssen das Potenzial dieser Veranstaltung nutzen“, erklärt Michel Vust von Pro Helvetia.

Momentan bleibt deshalb vor allem zu hoffen, dass der Geruch von Raclette-Käse und mit ihm auch die Erinnerung an die Schweiz noch ein ganzes Weilchen in Texas haften bleibt – vielleicht sogar von hier in die Welt hinausgetragen wird.