Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Auch Nicolas Sarkozy hat Anspruch darauf, zumal er schon in anderen Affären Freisprüche erwirkt hatte. Es lässt sich einwenden, dass die Pariser bei einem so illustren Ex-Präsidenten kaum Polizeigewahrsam angeordnet hätte, wenn sie ihrer Sache nicht sicher wäre. Trotzdem gilt jeder Bürger bis zum Urteilsspruch als unschuldig.

Und trotzdem ist Sarkozy schon jetzt schuldig – im politischen Sinn. Ob er vom libyschen Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi wirklich Geld angenommen hat oder nicht: Dank Aussagen «umgefallener» Mittelsmänner steht heute ausser Zweifel, dass der französische Ex-Präsident und seine rechte Hand Claude Guéant obskure Hinterzimmerkontakte zum international geächteten Regime in Tripolis pflegten. Deshalb konnte Gaddafi Frankreich letztlich in die Pflicht nehmen: Paris musste den Wüstenherrscher mit allem Pomp empfangen und ihm später Militärmaterial verkaufen.

Das alles steht heute fest. Dazu kommt eine bislang unbeweisbare Vermutung: Wenn Sarkozy 2011 so auffällig vorpreschte und Gaddafi den Garaus machen wollte, wie er selber sagte, hatte dies seinen Grund womöglich auch im Wunsch, lästige «Mitwisser» loszuwerden? Oder spielten gar Skrupel und schlechtes Gewissen mit? Beim Tausendsassa Sarkozy ist vieles denkbar.

Auf jeden Fall wäre es ohne sein Insistieren nicht zu dem gleichen, zumindest gleich entschlossenen Nato-Einsatz gegen Tripolis gekommen. In Libyen würde heute nicht die gleiche Anarchie herrschen, und der aktuelle Migrationsstrom durchliefe nicht einen unkontrollierten Wüstenstaat. Es ist keine pure Politfiktion zu glauben, dass es ohne die Gaddafi-Sarkozy-Connection am Südrand Europas heute weniger «Lampedusa» und weniger Schlauchboottragödien gäbe: Ganz einfach, weil der libysche Gewaltherrscher oder sein Clan noch herrschen würden. Ob das für den Lauf der Welt besser oder schlechter wäre, bleibe dahingestellt.

 stefan.braendle@azmedien.ch