Wo vor einem Jahr Kernschmelzen im Gang waren, die um ein Haar die Evakuierung von Tokio ausgelöst hätten, liegen vor den beschädigten Reaktoren noch immer vom Monster-Tsunami zerknüllte Lastwagen. Rund um die Skelette der Gebäuderuinen türmen sich Schuttberge mit ineinanderverkeilten Stahlträgern. In weisse Schutzanzüge gekleidete Arbeiter eilen durch die Endzeitlandschaft.

Dass die pedantischen Japaner ein Jahr nach der Stunde null gerade mal den Reaktor 2 in eine Schutzhülle kleiden konnten, illustriert die Schwierigkeit, das Rad der Zeit vor den 11. März 2011 zurückzudrehen – bevor zehn Meter hohe Wellen die Küste überspülten, Japan in einen Schockzustand versetzten und die Welt eine Atomkatastrophe fürchten liessen, die in einem Atemzug mit Hiroshima und Tschernobyl genannt wird.

Inzwischen wird das damals evakuierte Umland wieder bis an den Rand der 20-Kilometer-Zone besiedelt. Die Sicherungsarbeiten beim AKW Fukushima-Daiichi sind so weit fortgeschritten, dass 3000 Arbeiter in Fünftagesschichten im Einsatz sind. Länger als zwei bis drei Stunden darf aber noch immer nicht gearbeitet werden. Immerhin ist die Lage stark verbessert im Vergleich zu den Arbeitseinsätzen kurz nach dem Super-GAU, die höchstens zwei Minuten dauern durften.

Rosarote Gummiplanen

Als Basislager dient das «J-Village» am Rand des Evakuierungsrings, ein ehemaliges Fussballzentrum, dessen Hallen zu Schlaf- und Wohnräumen umfunktioniert wurden. Die Busfahrt an die Küste führt durch verlassene Dörfer und Felder. Die Geigerzähler zeigen erhöhte Strahlung an, dann und wann sind herumstreunende Hunde und wilde Kühe zu sehen. Noch herrschen winterliche Temperaturen. Keine Bäume blühen, Wiesen und Felder sind braun. Beim AKW fallen dem Besucher sogleich die rosafarbenen Gummiplanen auf, die schon den Fussboden des Busses bedeckten. Auch im Kommandozentrum sind Böden und Wände mit dem rosafarbigen Material ausgelegt. Es diene dazu, die Vergiftung der Innenräume durch verseuchte Luft von aussen zu verhindern, erklärt ein Verantwortlicher des AKW-Betreibers Tepco. Warum rosa? Das habe er sich auch schon gefragt.

Tepco hofft, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis das malerische, hügelige Umland wieder bewohnbar ist. Doch bis die letzten Spuren des 11. März 2011 verschwunden sind, dürfte die zweite Hälfte des Jahrhunderts angebrochen sein. «Die grösste Herausforderung ist, den Kernbrennstoff aus den Reaktoren zu entfernen», sagt Takeshi Takahashi, der neue Manager der Anlagen. «Technisch wird das äusserst schwierig sein, doch Schritt für Schritt schaffen wir es.» Die Kaltabschaltung der drei Reaktoren sei erreicht. Dass unlängst ein Alarm ausgelöst wurde, weil die Temperatur in einem Reaktor dramatisch anstieg, sei auf ein defektes Thermometer zurückzuführen gewesen, beschwichtigt Takahashi.

100000 Menschen flohen nach dem 11. März 2011 in Panik. Sie liessen ihre Häuser und alles Hab und Gut zurück. Vereinzelt wurde geplündert, Haustiere und Nutztiere starben, doch man hatte viel grössere Sorgen. Die neuen «Hibakusha», wie in Japan die Überlebenden der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki genannt werden, fürchteten eine ähnliche Diskriminierung wie einst die Opfer von Hiroshima.

«Nur über meine Leiche»

Nur eine Handvoll von Unbeirrbaren weigerte sich vor einem Jahr, den Räumungsbefehl zu befolgen. Sie blieben zurück auf ihren Höfen. Noch heute leben sie ohne fliessendes Wasser und Strom. Doch er ziehe «nur über meine Leiche» weg, sagte unlängst ein Farmer, der weiterhin in totaler Einsamkeit Hof und Kühe pflegt.

«Wir bemühen uns, dass die Menschen sobald wie möglich in ihre Häuser zurückkehren können», sagt Takahashi, der bei einem Besuch von Journalisten Ende Januar auffallend bleich wirkte. Fragen zu seiner Gesundheit und den dunklen Augenringen wich er aus. Sein Hauptproblem: wohin mit der Radioaktivität? Die Kühlung der Anlagen verseucht jeden Tag 600 Kubikmeter Kühlwasser, die bis zur Entsorgung gelagert werden müssen. Immer neue Wassertanks müssen auf dem Gelände gebaut werden. Tepco speichert gegenwärtig rund 125000 Tonnen hoch radioaktives Wasser und will die Kapazität auf 205000 Tonnen erhöhen – das entspricht 80 olympischen Schwimmbecken.

«Hier ist noch gar nichts sicher»

Dabei wird längst nicht alles Kühlwasser abgefangen. Vieles versickert ins bereits verseuchte Grundwasser, anderes findet den Weg in den Pazifik, wo verseuchter Meeresboden mit Beton versiegelt wird. In den Wintermonaten mussten die Auffanganlagen überdies geheizt werden, damit gefrorenes Wasser nicht die Schläuche, Tanks und Röhren sprengt. Die Speicherung des Wassers bleibt ein Problem, bis die Brennstäbe entfernt sind. Nach Angaben der Behörden wird es bis ins Jahr 2020 dauern, bis alle Lecks und Risse um die Reaktoren versiegelt sind. Und weitere 25 Jahre, bis die Brennstäbe abtransportiert sind.

Ein Jahr nach dem Schreckenstag wirkt immer noch alles unorganisiert und chaotisch. Die Anlagen in Fukushima-Daiichi muten weiterhin wie ein Schlachtfeld an. «Hier ist noch überhaupt nichts sicher», sagt ein Arbeiter, der für 100 Dollar am Tag einen brandgefährlichen Job ausführt. Er braucht den Job. Und er weiss: Hier gibt es noch jahrzehntelang garantiert Arbeit.