Interview

«Für die Schweiz gibt es durch Russland überhaupt keine Bedrohung»

Gerhard Mangott ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland.

Gerhard Mangott ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland.

Russland wird in Armeekreisen und bei Sicherheitspolitikern wieder als Feindbild gehandelt. Professor Gerhard Mangott hat ein differenzierte Sicht.

Wie gefährlich ist Russland für Europa?

Gerhard Mangott: Russland hat ab 2009 massiv aufgerüstet und seine Streitkräfte modernisiert. Die Kampffähigkeit der Truppen ist aber auf regionale Konflikte ausgerichtet. Russland ist grundsätzlich der Nato massiv unterlegen, was aber die Situation nicht entspannt. Viel mehr droht die Gefahr, dass Russland die Taktik «Eskalieren um zu deeskalieren» anwenden könnte. Gerade weil Russland gegen die Nato chancenlos wäre, könnte es taktische Atombomben einsetzen, um einen konventionellen Krieg abzuwürgen.


Hat denn Russland solche Atombomben?

Ja, darin ist Russland dem Westen voraus. Es verfügt über 2400 taktische Nuklearwaffen. Die Nato hat in Europa hingegen nur deren 180 stationiert. Umgekehrt verfügt die Nato aber um mehr und besser ausgerüstete Truppen. Zudem ist die USA in der Lage Nuklearraketen geringer Sprengkraft über U-Boote abzuschiessen. Auch entsprechende atomare Sprengköpfe wurden entwickelt.

Am 2. August läuft der INF-Vertrag über das Verbot nuklearer Mittelstreckensysteme ab. Was bedeutet das?

Es war eine sehr grosse Errungenschaft, eine ganze Waffenkategorie zu zerstören Aber das Problem war, dass es ein bilateraler Vertrag zwischen der Sowjetunion und den USA war. Länder wie China, Pakistan, Indien oder Iran mussten sich nie daran halten. Russland machte den wenig realistischen Vorschlag, den Vertrag auf alle Staaten auszudehnen. Seit einigen Jahren verstösst Russland gegen den Vertrag. Es gilt als gesichert, dass die Russen bodengestützte Mittelstreckenraketen stationiert haben. Die USA wiederum verfügen über an sich seegestützte Mittelstreckenraketen, die sie auch verbotenerweise über landgestützte Abschussrampen für Abfangraketen abschiessen können. Sie verstossen also zumindest potenziell auch gegen den Vertrag. Am 2. August wird also nur formell vollzogen, was de facto bereits Tatsache ist. Sowohl Russland als auch die USA verfügen über Marschflugkörper die man mit atomaren Sprengköpfen bestücken kann.

Der langjährige hochrangige deutsche Nato-Generalleutnant Heinrich Brauß schrieb in einem Aufsatz, die russische Aufrüstung ziele darauf ab, „Kriege an der europäischen Peripherie zu führen und erfolgreich zu Ende bringen zu können“.


Das war eine sehr gewagte Aussage und ein sehr unrealistisches Szenario. Die Nato ist ohne weiteres dazu in der Lage, das zu unterbinden. In den drei baltischen Staaten sind Nato-Soldaten stationiert. In Polen sind bald 5500 US-Soldaten. Zudem werden konventionelle Waffensystem an die Grenze verlegt.

Auf der Krim sah man den russischen Expansionsdrang.

Das muss man klar unterscheiden. Die Ukraine gehört nicht zu den Nato-Ländern, die sich bei einem Angriff gegenseitig verteidigen. Zudem wünschen sich viele Ostukrainer eine stärkere Anbindung an Russland. Da ist in den baltischen Staaten nicht der Fall. Es gibt zwar auch in Estland und Lettland eine russische Minderheit, diese will aber nicht zu Russland gehören, sondern orientiert sich nach Europa.

Ist Russland eine Gefahr für die Schweiz?

Für die Schweiz gibt es durch Russland überhaupt keine Bedrohung. Sie grenzt nicht an Russland und ist zudem ein neutraler Staat. Allerdings wäre die Schweiz auch von einem nuklearen Krieg betroffen, sollte die Lage eskalieren.

Also wäre es besser in Atombunker statt in Jets zu investieren?

In gewisser Weise schon. Allerdings nützt ein Atombunker auch nicht mehr viel, sollte ein Krieg mit strategischen Nuklearraketen ausbrechen. Und ich gehe davon aus, dass es schnell eskaliert, sollte Russland tatsächlich taktische Atombomben einsetzen. Allerdings denke ich nicht, dass dies geschehen wird. Der Preis, den das Land bezahlen würde, ist dafür zu hoch.

Das neutrale Schweden fürchtet sich aber vor Russland.

Das ist verständlich, weil sich Schweden in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland befindet. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass Russland Skandinavien angreifen wird. Norwegen ist Nato-Mitglied und Schweden und Finnland unterhalten ein enges Verhältnis zur Nato. Die Russischen Generäle und Putin sind nicht so verrückt, dass sie solche Nato-Partner angreifen.

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