Christian Wulff ist ein tief verletzter Mensch. Das war spürbar, als er am Dienstag vor die Presse in Berlin trat, um sein Buch «Ganz oben, ganz unten» zu präsentieren. Der 54-jährige ehemalige oberste Mann im Staat sagte irgendwann im Laufe der Medienkonferenz: «Ab heute bin ich freier als jemals zuvor. Jetzt kann ich meine Zukunft gestalten.» Wulff hatte noch einmal einen grossen Auftritt, der Medienrummel war grösser als bei einer Pressekonferenz eines Ministers aus dem Kabinett Merkel.

Ob der ehemalige Bundespräsident, der vom 30. Juni 2010 bis zu seinem Rücktritt am 17. Februar 2012 mit seiner inzwischen von ihm getrennt lebenden Frau Bettina Wulff das Schloss Bellevue in Berlin bewohnte, wirklich den inneren Frieden gefunden hat, das ist zumindest fraglich. Sein rund 250 Seiten starkes Buch ist eine Abrechnung.

Eine Abrechnung mit dem allmächtigen «Springer»-Verlag und seinem Boulevard-Flaggschiff «Bild». Eine Abrechnung mit weiteren Medien. Wulff nennt Namen. Namen von Chefredaktoren und Reportern: «Man muss Ross und Reiter nennen.» Versöhnlich wirkt das alles nicht.

Wunsch nach Rehabilitierung

Das Buch erzählt vor allem die Geschichte eines Mannes, der seinen tiefen Fall vom Staatsmann zum Buhmann der Nation bis heute nicht verwunden hat. Juristisch betrachtet, ist Wulff rehabilitiert: Im Februar sprach ihn das Landgericht Hannover im Korruptionsprozess vom Vorwurf der Vorteilnahme frei. Diesen Donnerstag wird die Staatsanwaltschaft Hannover zwar entscheiden, ob sie den Fall nochmals neu aufrollen wird. Eine Revision ist unwahrscheinlich.

Juristisch also ist er aus dem Schneider - worum es Wulff in dem Buch nun geht: Er will seine Ehre zurück. In seinen Worten klingt das so: «Ich wünsche mir, wieder ein allgemein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein.» Wulff berichtete, dass die Menschen verunsichert auf ihn reagierten, wenn er Fremden im Einkaufszentrum oder an der Tankstelle begegne. Stets glaubt Wulff zu spüren, dass die Menschen ihn noch immer verdächtigen, nicht ganz sauber gehandelt zu haben. Wulff: «Die Wiederherstellung meiner Ehre ist mir nicht gleichgültig.»

Verdächtiger Bobby-Car

Rückblende: Ende 2011 begann die «Bild»-Zeitung mit ihrer Recherche rund um einen fragwürdigen Kredit für das Privathaus von Christian Wulff. Die «Bild» trat eine bundesweite Medienlawine gegen den Bundespräsidenten los, die sich nicht mehr aufhalten liess. Die Medien überboten sich alsbald mit - teilweise absurden - Geschichten, die angebliche Beweise für Wulffs Bestechlichkeit liefern sollten: die Ferienreisen des hohen Politikers zu einem befreundeten Unternehmer, ein Aufenthalt am Münchner Oktoberfest, das Geschenk eines Autohändlers für Wulffs Sohn, ein Bobby-Car. Wer zahlte für das Bier in München? Und welche Absicht steckte eigentlich hinter dem Bobby-Car-Geschenk?

Am Ende, nachdem der Druck der Öffentlichkeit immer grösser geworden war und in der Aufhebung der Immunität gegen das Staatsoberhaupt gipfelte, musste Wulff nach nur 598 Tagen im Amt im Februar 2012 seinen Rücktritt bekannt geben. Von anfänglich 21 Verdachtsfällen hat die Staatsanwaltschaft Hannover nach zwölfmonatigen Ermittlungen nur noch den Verdacht der Vorteilnahme zur Anklage gebracht - von dem Wulff nun vollumfänglich freigesprochen worden ist. «Mein Leben wurde durchwühlt», zeigte sich Wulff verletzt.

«Auch heute noch der Richtige»

Für Wulff besteht kein Zweifel. Er wurde zu Unrecht aus dem Schloss Bellevue gejagt. «Der Rücktritt war falsch und ich wäre auch heute noch der Richtige im Amt», sagte er. Dass er selbst Fehler gemacht habe, räumte der heute in Hannover eine Anwaltskanzlei führende Wulff ein. Er hätte «gelegentlich mehr Distanz» wahren sollen: «Wunderbar, wer fehlerfrei ist.» So nachvollziehbar der Groll von Christian Wulff angesichts der massiven Konsequenzen ist, die er für blosse Verdächtigungen zu tragen hatte - Selbstkritik schwang in seinen Ausführungen nicht wirklich mit. Das Zusammenspiel von Medien und Justiz sei eine Gefahr für die Demokratie, mahnt Wulff. «Mir ist mehr Unrecht getan worden, als ich je Unrecht getan habe.»

Christian Wulff: Ganz oben, ganz unten. Verlag C. H.Beck München 2014. 259 S. Fr. 29.30.