Sexuelle Gewalt

Freiwild

Hauptbahnhof Köln: Hier geschah in der Silvesternacht das Unfassbare

Hauptbahnhof Köln: Hier geschah in der Silvesternacht das Unfassbare

Der unerträgliche Sexismus junger Muslime trifft auf das westeuropäische Stereotyp vom Dunkelhäutigen als sexueller Bedrohung. Diese Mischung führt zu einer beispiellosen Explosion von Zeitungsartikeln und Online-Kommentaren, schreibt Gieri Cavelty, Mitglied der Chefredaktion, in seiner Analyse.

Köln» empört und das mit Recht. Es geht nicht an, dass Frauen wie Freiwild behandelt werden. In seinem ausgezeichneten Kommentar hat der Maghreb-Experte Beat Stauffer an dieser Stelle auf die Ursachen der Übergriffe hingewiesen:

Die jungen Männer aus dem arabischsprachigen Raum tragen ein meist sehr konservatives, religiös geprägtes Frauenbild in sich und fühlen sich einer virilen Machokultur zugetan.

Es ist eine vorrangige Aufgabe von Politik und Behörden, gegen solche menschenverachtenden Einstellungen vorzugehen und, natürlich, kriminelles Verhalten zu sanktionieren.

Glaubt man den deutschen Zeitungskommentaren, wird «Köln» aber auch darum so emotional diskutiert, weil die Behörden die Vorfälle zunächst auf möglichst kleiner Flamme halten wollten.

Das ganze Ausmass des öffentlichen Widerhalls lässt sich dadurch aber kaum erklären. In den vergangenen zehn Tagen behandelten 833 Artikel in Schweizer Print- und Onlinemedien die Kölner Silvesternacht und ihre Folgen.

Zum Vergleich: Im ganzen Monat Dezember waren dem Dauerbrenner-Thema «Asyl» in allen Farben und Schattierungen insgesamt 878 Beiträge gewidmet.

Dass auch bei uns, 500 Kilometer von Köln entfernt, die Kommentarspalten tagelang überlaufen, derweil in Deutschland jetzt angeblich die gesamte Asylpolitik hinterfragt werden muss und es vielerorts zu Demonstrationszügen kommt: Soviel Aktivität bis Aggressivität hat eine Ursache, die über das Frauenbild der Kölner Unholde und das Verhalten der dortigen Polizei hinausgeht.

Diese beispiellose Reaktion ist die Folge einer explosiven Mischung: Das stereotype Frauenbild muslimischer Männer trifft auf unser ureigenes Stereotyp vom Dunkelhäutigen als Bedrohung, insbesondere als sexuelle Bedrohung. Sex sells, und Sex bildet seit je her den eigentlichen Urstoff für xenophobe Obsessionen in Westeuropa.

«Wenn bei mir zuhause ein Gast meine Tochter anfassen würde, dann werfe ich den raus»: Andreas Glarner im «SonnTalk»

«Wenn bei mir zuhause ein Gast meine Tochter anfassen würde, dann werfe ich den raus»: Andreas Glarner im «SonnTalk»

Achtung Lepra!

Bereits im Mittelalter wurde Dunkelhäutigkeit mit krankhafter Sexualität gleichgesetzt. Ein Reisender des 12. Jahrhunderts berichtete von einem Volk im Gebiet des heutigen Nahen Ostens, «das wie Tiere von den Kräutern isst, die an den Ufern und dem Felde wachsen. Sie gehen nackt und haben nicht die Intelligenz gewöhnlicher Menschen. Sie schlafen mit ihren Schwestern und jedem, den sie finden können.»

Der amerikanische Kulturhistoriker Sander Gilman hat aufgezeigt, wie das Geschlechtsleben der Dunkelhäutigen bis zum 18. Jahrhundert zum Inbegriff abweichender Sexualität wurde.

Die Mediziner des 19. Jahrhunderts erklärten Dunkelhäutigkeit als eine angeborene Form von Lepra und die Geschlechtskrankheit Syphilis als eine Lepra-Variante, wobei der lepröse Nicht-Europäer den unschuldigen Europäer beim Geschlechtsverkehr ansteckt. Das klingt alles wahnsinnig krud und ist es auch. Darum kurz zusammengefasst: Der Nicht-Europäer stand sowohl für ungezügelten Sexualtrieb wie für Seuche und Tod.

Auf die Spitze getrieben wurde das Stereotyp von Sexualität, Rasse und Verderben von den Nationalsozialisten. Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes «Der Stürmer», führte den vermeintlichen Nachweis, deutsche Frauen würden von Juden als «Freiwild für jüdische Geilheit, Freiwild für fremdrassige Laster» benutzt.

«Die Nichtjüdin gilt also grundsätzlich als Hure, und danach richtet sich die Behandlung der nichtjüdischen Frau.» 1935 wurden in Deutschland die Eheschliessung sowie sexuelle Kontakte zwischen Juden und Nicht-Juden als «Rassenschande» verboten. – Und um noch einen expliziten Schwenker in die Schweiz zu machen: Eine der häufigsten Klagen über die italienischen Gastarbeiter der 1960er-Jahre lautete, dass die jungen Männer an unseren Bahnhöfen herumlungern und sich kollektiv an die Schweizerinnen heranmachen.

Vorsicht Falle

Keine Diskursanalyse kann und soll «Köln» schönreden. Selbstverständlich stellt die Einwanderung junger Männer aus anderen Kulturkreisen eine enorme Herausforderung für Westeuropa dar.

Freilich sollte uns der Blick auf die lange Geschichte von Fremdenangst und Rassismus lehren, welche bösen Fallen hier lauern und welche über die Jahrzehnte und Jahrhunderte eingeschliffenen Reflexe hier ganz plötzlich spielen.

Reflexartig jedoch und auf der Grundlage von Stereotypen hat Politik noch selten funktioniert. Erst recht muss eine solche Politik versagen, wenn es um die dringend nötige Bekämpfung eines so fundamentalen Problems wie eben den Sexismus geht.

«Man griff mir zwischen die Beine – nicht nur berührt, man wurde richtig angepackt»: Sabrina F. aus Osnabrück  spricht über die Silvesternacht in Köln.

«Man griff mir zwischen die Beine – nicht nur berührt, man wurde richtig angepackt»: Sabrina F. aus Osnabrück spricht über die Silvesternacht in Köln.

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