Von Chaostagen bei der Alternativen für Deutschland (AfD) ist die Rede; von Schlammschlacht und von dicker Luft in der Parteispitze. Die Fraktion der AfD im Stuttgarter Landtag hat sich gespalten: Jörg Meuthen, Co-Vorsitzender der Bundes-AfD sowie Fraktionschef in Baden-Württemberg, hat mit zwölf Mitstreitern die 23-köpfige Fraktion verlassen. Übrig bleibt eine Mini-Fraktion. Vier Monate nach dem Erfolg bei den Landtagswahlen, als die AfD aus dem Stand heraus mit mehr als 15 Prozent Stimmenanteil zur grössten Oppositionskraft im Stuttgarter Parlament aufstieg, demontieren sich die Rechtspopulisten selbst.

Hintergrund des Zerwürfnisses: Meuthen wollte am Dienstag den AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon aus der Fraktion werfen. Gedeon hatte mit antisemitischen Schriften landesweit für Empörung gesorgt. Der Arzt bagatellisierte den Holocaust als «gewisse Schandtaten», Holocaustleugner verglich er mit in autoritären Regimen verfolgten Dissidenten. Zwei wissenschaftliche Gutachten liessen keine Zweifel daran, dass Gedeons Traktate antisemitisch sind.

Dennoch scheiterte das Verfahren zum Fraktionsausschluss in der Abstimmung: Zwei Drittel der 23 Abgeordneten hätten dem Rauswurf Gedeons zustimmen sollen, dieses Quorum wurde verfehlt. Meuthen verliess daraufhin mit 12 Gleichgesinnten wutentbrannt die Fraktion. «Mein Ziel ist es, dass die AfD eine von Antisemitismus, Rassismus und Extremismus saubere Partei ist», erklärte er.

Am Mittwoch gründete Meuthen eine neue Fraktion mit dem Namen «Alternative für Baden-Württemberg». Theoretisch wäre allerdings der Weg für eine Wiedervereinigung mit den alten Parteikollegen frei gewesen. Denn der umstrittene Gedeon trat am späten Dienstagabend doch noch aus der Fraktion aus. Zu diesem Schritt wurde der «Antizionist», wie er sich selbst nennt, von der eiligst aus Sachsen nach Stuttgart herbeigeeilten zweiten AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry gedrängt.

Hausverbot für Petry

Denn bei dem Zerwürfnis in der AfD geht es nur vordergründig um den Ausschluss eines umstrittenen Parteimitglieds. Hintergrund des Konflikts ist ein seit Monaten schwelender Machtkampf in der AfD-Führung. Die beiden Bundesvorsitzenden Meuthen und Petry haben sich schon längst nichts mehr zu sagen; die Führung der Bundes-AfD ist ebenso gespalten wie die Stuttgarter Landtagsfraktion. Meuthen versuchte sogar, Petry den Zutritt in den Stuttgarter Landtag per Hausverbot zu verweigern.

Das Meuthen-Lager, dem der Vize-Vorsitzende Alexander Gauland und der thüringische Landeschef Björn Höcke angehören, will Petry mit allen Mitteln als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017 verhindern. Das Trio beschwerte sich in einem vertraulichen Journalistengespräch unlängst über charakterliche Defizite Petrys. Und immer wieder stellen sich Gauland, Höcke oder Meuthen quer, wenn Petry in den Medien politische Ideen lanciert. Petry wiederum lässt nichts unversucht, die dominante Rolle in der Partei an sich zu reissen.

Gauland greift Petry an

Im Antisemitismus-Streit in Baden-Württemberg unterstellte die 40-Jährige ihrem Co-Vorsitzenden Meuthen öffentlich Führungsschwäche. Meuthen und Alexander Gauland wiederum reagierten empört, weil sich Petry in baden-württembergische Parteiangelegenheiten eingemischt hat. Petrys Intervention sei «nicht zielführend gewesen», sagte er. Und: «Da hat es einige Leute gegeben, die wollten Jörg Meuthen beschädigen.» Damit unterstellte er Petry eine Mitschuld an der Spaltung in Stuttgart. Der Bundesvorstand habe in dieser Sache nicht mit einer Stimme gesprochen. «Dadurch ist eine Sachfrage plötzlich zur Machtfrage geworden.»

Nicht der erste Machtkampf

Knapp vier Monate nach ihren grossen Erfolgen bei Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt steht die AfD damit abermals vor einer Spaltung. Das letzte Gerangel um die Vormachtstellung in der Partei entschied Frauke Petry im Sommer 2015 noch für sich. AfD-Gründer Bernd Lucke trat damals nach einem Richtungsstreit aus der Partei aus.