Die Sonne scheint kräftig an diesem 10. September 2015, draussen ist noch beinahe T-Shirt-Wetter. Shaker Kedida hat sich auf sein Zimmer verkrochen, er mag nicht zu den anderen Flüchtlingen gehen in den Innenhof dieser Kaserne preussischen Stils. Shaker liegt auf seinem Bett, tauscht sich über sein Smartphone via Facebook mit seiner Familie aus. Frau und seine fünf Kinder, elf, acht, sieben, dreieinhalb und eineinhalb Jahre alt, sind 4000 Kilometer von ihm entfernt, sie wohnen in brüchigen Unterkünften im nordirakischen Kurdengebiet. Shaker hat versprochen, sie bald nachzuholen nach Deutschland. Plötzlich stösst ein junger Mann die Türe zu seinem Zimmer auf: «Komm runter, die ‹Tante› ist da!»

Einer von 700 000 offenen Fällen

Dieser Donnerstag im September, an dem der irakische Kleinbauer Shaker Kedida und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Foto eine Geschichte schreiben werden, die unterschiedlicher nicht sein könnte, liegt auch schon wieder fünf Monate zurück. 150 monotone Tage des Wartens. Das Taschengeld von 360 Euro reicht nicht weit, er muss davon auch Essen kaufen, seine Zigaretten dreht er sich selbst, das kommt günstiger, als Schachteln zu kaufen. Immerhin kann er jetzt endlich einen Deutschkurs besuchen, seit wenigen Wochen. «Dankeschön», «Guten Tag», viel mehr bringt er noch nicht über die Lippen.

Shaker ist immer noch in der Erstaufnahmeeinrichtung im Berliner Bezirk Spandau, einer von über 300 Menschen aus dem Irak, aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und aus Ländern, die unbekannt sind, weil Dokumente der Flüchtlinge fehlen. Das Asylgesuch des 41-Jährigen ist eines von 370 000, über die das Bundesamt für Migration noch nicht entschieden hat. Die Behörden sind am Anschlag, 700 000 Fälle insgesamt stapeln sich unbearbeitet in den Amtsstuben. Das hat, sagen gewisse Politiker, auch etwas mit diesem Foto von Merkel und Shaker Kedida zu tun.

Es begann mit Saddams Sturz

Vor wenigen Monaten noch ist Shaker ein Kleinbauer, mit seiner Familie lebt er in einem Dorf in der Nähe der nordirakischen Stadt Mossul. Er pflanzt Gemüse an, hat einige Ziegen, besitzt einen Traktor. Es geht ihnen gut. Das Unglück für den Irak und die jesidische Minderheit, erzählt Shaker, beginnt mit dem Sturz von Saddam Hussein. Das Land versinkt im Chaos. Als im Sommer 2014 Panzer der irakischen Armee an seinem Dorf vorbeiziehen und die Soldaten vor den näher rückenden IS-Terroristen warnen, ergreift Shaker die Flucht. Die Familie packt das Nötigste zusammen, auf dem Traktor fahren sie an die türkisch-irakische Grenze in das von Kurden kontrollierte Gebiet. Am nächsten Tag, erzählt Shaker, fallen die IS-Terroristen in seinem Dorf ein, töten Kinder, vergewaltigen Frauen, enthaupten die zurückgebliebenen Männer.

Ein Jahr bleibt die Familie in der Kurdenprovinz im Nordirak, das Elend ist gross, die Perspektive gleich null. Im Juni 2015 fasst Shaker den Entschluss, nach Deutschland zu fliehen. Seine Schwester und sein Onkel sind schon vor zwölf Jahren nach München geflohen, die Schwester betreibt eine Döner-Bude. Shaker verkauft das gesamte Hab und Gut, für Traktor, Familienschmuck und andere Wertgegenstände bekommt er 10 000 Dollar. Das reicht nur für eine Person, die Schleuser verlangen für die Flucht nach Deutschland viel Geld. In der Nacht des 5. Juli 2015 wird er mit anderen auf der Autobahn bei Dresden aus dem Transporter geworfen. Shaker ist erschöpft, aber glücklich. Er wird von der Polizei aufgegriffen, wenige Tage später in die Flüchtlingsunterkunft in Spandau zugewiesen. Er leiht sich bei einem Mitbewohner ein Smartphone und kann endlich seiner Familie mitteilen, dass er es geschafft hat, dass er lebt und sie bald nachholen will.

«Deutschland – zweites Vaterland»

«Für Jesiden ist Deutschland das zweite Vaterland. Frau Merkel beschützt uns», erzählt Shaker Kedida. Er möchte bleiben in Deutschland, unbedingt. Wenn man fragt, ob er sein kleines Dorf, sein bescheidenes Stück Land und das Leben mit seinen Nachbarn im Nordirak vermisst, sagt er: «Ich möchte nicht mehr in einem Land leben, wo zwischen Schiiten, Sunniten, Jesiden und Christen unterschieden wird. Hier in Deutschland sind alle gleich.» Er würde kein schlechtes Wort über das Land seiner Träume verlieren, die Menschen seien alle wunderbar, Probleme würden die Ausländer machen, sagt er. «Die Tunesier, Marokkaner und Algerier sollen zu Hause bleiben, die haben keinen Bürgerkrieg. Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss gehen.»

Shaker geht an diesem 10. September eilig die Treppe runter in den Innenhof. Hunderte von Flüchtlingen sind hier versammelt, und dort steht sie, die Kanzlerin. Shaker staunt, wie klein gewachsen die mächtigste Frau der Welt ist, er drängt zu ihr heran, auch er will ein Selfie machen wie einige andere. Shaker wird von Sicherheitsleuten zurückgedrängt, Merkel sieht das und bedeutet ihm mit einer einladenden Geste, zu ihr zu kommen. Da steht er nun plötzlich neben Merkel, «ich bin aus Irak», stottert er verlegen, Merkel scheint ihn nicht verstanden zu haben und sagt «bitteschön». Shaker hebt sein Handy, seine Hände zittern, das ist ihm jetzt peinlich.

1600 Likes für ihn

Shaker stellt das Selfie-Foto mit Angela Merkel noch am 10. September auf seine Facebook-Seite. Innerhalb weniger Stunden hat er 1600 Likes, so viele wie noch nie. Merkel selber wird weniger Likes für ihre Aktion bekommen. Sie muss sich rechtfertigen für dieses Foto mit Shaker Kedida. Flüchtlinge auf der ganzen Welt würden das Bild als Symbol für Deutschlands offene Grenzen interpretieren.