Europäische Union

Frans Timmermans hätte das Zeug zu Junckers Nachfolge – aber er hat ein Problem

Franciscus Cornelis Gerardus Maria – oder kurz: Frans – Timmermans.

Franciscus Cornelis Gerardus Maria – oder kurz: Frans – Timmermans.

Der Niederländer Frans Timmermans hätte viele Qualitäten, die es für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten braucht. Dumm nur: Er ist in der falschen Partei.

Es war sein grosser Auftritt: Am 21. Juli 2014 tritt der damalige niederländische Aussenminister Frans Timmermans vor dem UNO-Sicherheitsrat in New York ans Rednerpult. Er spricht über den Abschuss der MH-17-Passagiermaschine über der Ostukraine wenige Tage zuvor durch pro-russische Separatisten. 283 Menschen kamen ums Leben, 200 davon aus den Niederlanden.

Timmermans: «Wie furchtbar müssen die letzten Momente ihres Lebens gewesen sein, als sie wussten, dass das Flugzeug abstürzen wird. Haben sie die Hand eines geliebten Menschen gehalten? Haben sie ihre Kinder fest an sich gedrückt, haben sie einander in die Augen gesehen, ein letztes Mal, ein stummer Abschied? Wir werden es nie erfahren.» Am Tag darauf schreibt die niederländische Presse, Timmermans habe der Nation aus dem Herzen gesprochen – und «die Welt zum Weinen gebracht».

Ja, reden kann er, der Franciscus Cornelis Gerardus Maria, wie Timmermans’ vollständiger Vorname lautet. Niederländisch, Limburgisch, Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch, Italienisch – sieben Sprachen beherrscht der 58-Jährige fliessend. Das ist hilfreich, wenn er wie jetzt durch Europa tingelt, um für die europäischen Sozialdemokraten die Nachfolge von Jean-Claude Juncker an der EU-Spitze anzutreten. Der polyglotte Frans lässt seinen christdemokratischen Kontrahenten Manfred Weber alt aussehen, der neben Bayerisch nur noch ein mittelmässiges Englisch spricht.

Mann der klaren Ansagen

So auch in seiner jetzigen Funktion als erster Vize-Präsident der EU-Kommission und Junckers rechter Hand. Als solcher führt er die Verfahren gegen die nationalkonservativen Regierungen in Polen und Ungarn wegen deren Aushöhlung des Rechtsstaates.

Und auch hier spricht er Klartext: «Was Sie meinen ist: Gebt uns das Geld, gebt uns den Binnenmarkt und haltet die Klappe, was Demokratie, Menschenrechte und die Unabhängigkeit der Justiz angeht. Aber so läuft es nicht!», so Timmermans an die Adresse des polnischen Premiers Morawiecki. Dafür wird er von der Opposition gefeiert. Die Anhänger der Regierung erklärten ihn zur Hassfigur.

In den vergangenen fünf Jahren als EU-Vize hat sich Timmermans in Brüssel den Ruf eines kompetenten und stillen Schaffers erarbeitet. Für viele Beobachter hätte der vierfache Vater und leidenschaftliche Fan der TV-Serie «Game of Thrones» durchaus Qualitäten, die ein Kommissionspräsident mitbringen sollte: Er kennt den Laden bereits, ist vielsprachig und hat Exekutiv-Erfahrung. Bloss: Timmermans ist in der falschen Partei.

Wie kaum eine andere steht die niederländische «Partei van de Arbeid» für die Kernschmelze der europäischen Sozialdemokraten. Knapp 5,7 Prozent Wähleranteil bringen die ehemals staatstragenden Sozis noch zusammen. Das ist ein Manko für Timmermans. Ausserdem wird er zu Hause auch von eigentlichen Gesinnungsgenossen angefeindet.

Als «Hans Brusselmans» verspotten ihn die linkspopulistischen «SP»-Sozialisten in einem Wahlvideo und stellen ihn als geldgierigen Vielfrass mit heruntergelassenen Hosen dar. Diese Unbeliebtheit rührt wohl auch daher, dass er nie der wirkliche Klassenkämpfer, sondern stets ein klassischer Mitte-links-Politiker war.

Auch Weber hat es nicht leicht

Gemäss den neusten Prognosen werden die Sozialdemokraten im EU-Parlament Verluste von über 35 Sitzen einfahren. Aus dieser Position den Anspruch auf das Amt des Kommissionspräsidenten anzumelden, wird schwierig. Allerdings wird es auch dem Christdemokraten Manfred Weber schwerfallen, eine Mehrheit hinter sich zu versammeln. Und wenn Timmermans die Liberalen und die Grünen überzeugen kann, wäre eine progressive Koalition theoretisch möglich.

Am Schluss schlagen aber immer noch die EU-Staats- und Regierungschefs den Kommissionspräsidenten zur Wahl vor. Sie sind grundsätzlich gehalten, die Ergebnisse der Europawahlen zu berücksichtigen. Allzu viel Unterstützung für das sogenannte Spitzenkandidaten-System gibt es jedoch nicht. Eher wird die Verteilung der EU-Topposten wieder zum Kuhhandel werden, der er seit je war.

Gut möglich, dass Timmermans dort ein Posten zufällt. Talente hat er ja genug. Gemunkelt wird zum Beispiel über das Amt des hohen Vertreters der EU-Aussenpolitik. Vom Profil her würde es passen. Amtsinhaberin Federica Mogherini jedenfalls ist Sozialdemokratin – wie Timmermans.

Autor

Remo Hess

Remo Hess

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