Beim Essen hört in Frankreich der Spass auf. «Dort draussen finden sich ausgedehnte Muschelbänke», meint ein älterer Spaziergänger am Kiesstrand von Dieppe und zeigt auf den Ärmelkanal. «Sie würden durch den Windpark samt und sonders zerstört. Dann wäre Schluss mit den Jakobsmuscheln.» Philippe, der Fischer des kleinen Kutters Celtit, befürchtet zudem die Vertreibung der Seezungen. «Und ich kann mich auch gleich beim Arbeitsamt einschreiben, wenn die Windräder gebaut werden.»

Im kleinen Normandie-Hafen Dieppe sind die Meinungen gemacht. Mehrere Rekurse laufen gegen das Vorhaben des französischen Energieriesen Engie (ehemals Suez), vor der hiesigen Küste 62 Windräder aufzubauen. Seit 2014, als die Regierung in Paris grünes Licht gab, ist das Projekt in den Schubladen geblieben. Dasselbe gilt für andere Offshore-Windparks am Ärmelkanal und am Atlantik. Electricité de France (EDF) und die spanische Iberdrola hatten dort schon 2011 andere Ausschreibungen gewonnen.

An Ambition fehlt es nicht

Seither: nichts. Die französische Meeresküste ist nach den Britischen Inseln die zweitlängste im EU-Raum. Doch während dort schon über 4000 Windanlagen in Betrieb sind, dreht sich vor den Gestaden Frankreichs – anders als auf seinem Festland – kein einziges Windrad. An der Ambition fehlt es nicht: 2009 legte die Regierung des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy für 2030 das Fernziel von 15 Gigawatt für die Meeres-Windkraft fest. Eine gigantische Zahl. Nach Ablauf eines Drittels der Zeitspanne bleibt die Produktion in Frankreich indessen bei null. In Grossbritannien erreicht sie derweil 5 Gigawatt, in Deutschland 3,3 GW.

Schuld an dem französischen Windkraftfiasko sind nicht nur die Jakobsmuscheln. Naturschützer haben auch aus anderen Gründen Rekurse gegen die Offshore-Projekte eingereicht. Das verzögert sie um etwa zehn Jahre, gegenüber maximal drei Jahren in Deutschland. Vor 2021 dürfte in Frankreich kein maritimes Windrad ans Netz gehen, schätzt Pauline Le Bertre vom Verband France Energie Eolienne. Der tiefere Grund ist allerdings auch die unentschlossene Energiepolitik Frankreichs. Sie schwankt weiter zwischen erneuerbaren Energie und Atomkraftwerken. Langfristig streben die sich abfolgenden Präsidenten wie François Hollande und nun Emmanuel Macron einen Anteil von je 50 Prozent an. Doch die mächtige Nuklearlobby absorbiert weiterhin die meisten Investitionen, so etwa für den in Bau befindlichen Druckwasserreaktor in Flamanville (Normandie), der als neue und zuverlässigere AKW-Generation angepriesen wird.

Der billige Atomstrom schafft indirekt ein weiteres Problem für die Windkraft. Die französischen Behörden hatten den privaten Betreibern 2011 eine feste Stromabnahme für 190 Euro pro Megawattstunde Windstrom zugesagt, und dies auf zwanzig Jahre hinaus. Damit wollten sie nicht zuletzt den französischen Energiekonzernen wie Engie und EDF auf die Sprünge helfen und ihnen ermöglichen, den Rückstand auf die internationale Konkurrenz in Sachen Windkraft wettzumachen.

Bloss: An der Nordsee sind die Preise für Windstrom aber heute auf rund 60 Euro gefallen. Das ist gut für die Abnehmer. Die französische Regierung muss aber die Notbremse ziehen: Diese Woche liess Umweltminister Nicolas Hulot verlauten, er wolle die zugesagten Tarife neu aushandeln. Er droht offen damit, die Genehmigungen für die Windparks zurückzunehmen, falls die Offshore-Anbieter keine tieferen Strompreise akzeptierten.

Zukunftsmarkt mit viel Potenzial

Engie, EDF, Iberdrola, aber auch deren exklusiver Ausrüster Siemens dürfen sich erpresst fühlen. Für sie kommt es nicht infrage, die Projekte in Frankreich fallenzulassen: «Windkraft an den langen französischen Meeresküsten ist ein Zukunftsmarkt mit einem grossen Potenzial», sagt Cédric Turnaco von Siemens-Gamesa. Das deutsch-spanische Unternehmen für erneuerbare Energien ist nicht direkt an den Verhandlungen beteiligt, hängt aber natürlich davon ab. Turnaco kann sich Preissenkungen vorstellen, aber nur, wenn die Regierung aktiv wird, bessere juristische Rahmenbedingungen schafft und die administrativen Fristen verkürzt.

Das setzt allerdings auch eine politische Weichenstellung voraus: Solange Frankreich fast ausschliesslich auf Atomstrom setzt, wird seine Offshore-Windkraft nicht wirklich vorankommen.