Zuerst fiel der Bildschirm aus. Dann tauchten auf den Facebook- und Twitterseiten des französischen Senders TV5-Monde kuriose Meldungen auf. Ein «Cyber-Kalifat» bedeutete dem französischen Präsidenten François Hollande unter anderem, er begehe einen «grossen Fehler», wenn er im Schlepptau der Amerikaner gegen die IS-Milizen in Syrien und Irak vorgehe.

So begann am Mittwochabend kurz nach 22 Uhr die bisher massivste Cyberattacke auf einen Fernsehsender. Der frankophone Ableger von TV5, der von Frankreich, Kanada, Belgien und der Schweiz unterhalten wird und in allen Weltgegenden via Satellit oder Kabel zu sehen ist, blieb drei Stunden lang blockiert. Auch danach vermochte die Produktion nur vorgängig bereits eingespielte Sendungen auszustrahlen; Liveberichte waren nicht möglich. Nur langsam übernahm TV5-Monde wieder die Kontrolle über seine Internetauftritte und über seine elf Kanäle, darunter das erst gerade eingeweihte Programm über die französische Lebensart.

Techniker blieben machtlos

Der Direktor von TV5-Monde, Yves Bigot, sprach von einer «äusserst starken Cyberattacke». Er musste einräumen, dass seine Techniker stundenlang völlig machtlos waren beim Versuch, wieder auf Sendung zu gehen. Offenbar war das ganze Informatiksystem infiltriert. Laut Damien Bancal, einem Experten in Sachen Cyberkriminalität, ist es «technisch einfach», in ein solches System hineinzugelangen; dazu genügten ein paar geklaute Passwörter oder E-Mail-Beilagen mit verdeckter Spionagesoftware. Überraschend sei hingegen, wie umfassend das System gekapert worden sei; das lasse auf eine minuziöse Vorbereitung schliessen.

Über das Cyber-Kalifat ist wenig bekannt. Experten gehen davon aus, dass die Hacker nicht aus Syrien oder Irak agieren, sondern möglicherweise über gewisse Server in Holland. Die Botschaften sind in fehlerhaftem Arabisch, Englisch und Französisch gehalten, was sie von den perfekten Internetauftritten gewisser IS-Operateure unterscheidet. Im Januar war das Cyber-Kalifat bereits in das Twitter-Konto des amerikanischen Regionalkommandos «CentCom» für den Nahen Osten, Ostafrika und Zentralasien eingedrungen; das US-Magazin «Newsweek» wurde zudem minutenlang blockiert.

Der neue Angriff enthält auch einen Appell an französische Soldaten – unter denen nicht wenige Muslime sind –, dem Kampf gegen den IS fernzubleiben. Frankreich ist im Irak unter anderem mit einem Flugzeugträger und drei Dutzend Kampfflugzeugen engagiert. Deshalb habe Paris im Januar auch die «Geschenke» der Attentate auf das Magazin «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt erhalten, heisst es unter der Signatur «Je suis IS» – einer offensichtlichen Antwort auf den Solidaritätsslogan «Je suis Charlie».

Noch gravierender scheint, dass die Informatiker des Kalifats von einigen teilweise im Irak und Syrien engagierten französischen Militärs Namen, Lebensläufe und Ausweise über die TV5-Kanäle verbreiteten. Damit liefern sie die «Verräter» wohl einer dschihadistischen Vendetta aus. Ob die publizierten Dokumente authentisch und wie die Hacker daran gekommen sind, blieb vorerst offen.

Stärkere Überwachung gefordert

Die französische Regierung nimmt die Cyberattacke jedenfalls sehr ernst, machte sie doch dem attackierten Sender gleich mit drei Vertretern ihre Aufwartung. «Wir haben es mit sehr entschlossenen Terroristen zu tun, aber wir sind unsererseits sehr entschlossen, sie zu bekämpfen», erklärte Innenminister Bernard Cazeneuve vor dem Pariser Sitz von TV5-Monde.

Nach den «Charlie»-Anschlägen hatte ein erstes Anti-Terror-Gesetz unter anderem terrorverherrlichende Internetauftritte aufs Korn genommen. Vor wenigen Tagen hat Premierminister Manuel Valls eine weitere Vorlage zur Aufstockung der Geheimdienste und der besseren Überwachung der Kommunikationswege dem Parlament vorgelegt. Als Reaktion auf die TV5-Attacke kündigte Cazeneuve zudem die Schaffung von 500 Technikern an, die den Cyber-Dschihadismus in Frankreich bekämpfen sollen. «Ob auf der rechtlichen, menschlichen oder technologischen Ebene – unsere Mobilmachung ist total», meinte der sozialistische Innenminister.