Niemand sah sie kommen. Die «gilets jaunes» sind in Frankreich fast über Nacht zu einer sozialpolitischen Kraft geworden, die Emmanuel Macron gefährlich wird. Gefährlicher als alle Gewerkschaften und Parteien, die gegen seine ersten Reformen (Arbeitsmarkt, Eisenbahn) auf die Strasse gegangen waren. Seit zehn Tagen blockieren sie – und meist ohne jede Streikerfahrung – landesweit Hunderte von Verkehrsachsen, Autobahnzahlstellen, Treibstofflagern und Supermarkt-Zufahrten. An diesem Wochenende blasen sie erneut zum Marsch «nach Paris», wo es schon vor einer Woche zu schweren Krawallen gekommen war.

Die Gelben Westen verlangen längst nicht mehr nur den Verzicht auf die von Macron angeordnete Erhöhung der Benzin- und Dieselsteuer um 4 Prozent. Im Visier ist auch die Stromsteuer, die ebenfalls zum Jahresende um 2,3 Prozent steigen soll. Sie wollen tiefere Abgaben für Kleinunternehmer und höhere Wohnzulagen für Studenten. Sie wollen einen höheren Mindestlohn und eine Einheitsrente, die mit den Vorzugspensionen der Beamten und Politiker aufräumt.

Das System abschaffen

«Weg mit den Privilegien», war diese Woche auf einem Transparent zu lesen. Die Gelbwesten wollen den gut bezahlten Abgeordneten der Nationalversammlung die Steuernischen kappen. Den Senat, das französische Oberhaus, wollen sie gleich ganz abschaffen. Das aktuelle Parlament wollen sie auflösen, um Neuwahlen anzusetzen. Und natürlich verlangen sie im Land des revolutionären Königsmordes auch die Amtsenthebung des Präsidenten. «Macron – Demission», schallt es durch das ganze Land.

Der zweite Teil des Slogans ist neu für Frankreich: «System – Abschaffung!» Das System, das ist für die Gelbwesten gleichbedeutend mit «Paris», dem Sinnbild für die Landeseliten, der Manager und Medienleute, Professoren und Reichen – der konzentrierten Macht.

Der Volksaufstand ist eine Revolte der ärmeren Provinzbewohner, die zum Monatsende leere Brieftaschen und Vorratskammern kennen. «Das ist eine Bürgerrevolution», sagt der Linksaussen Jean-Luc Mélenchon, der am Samstag mit den Gelbwesten in Paris demonstrieren will. Marine Le Pen wird von der anderen politischen Seite her dazustossen. Die Gelbwesten wehren sich gegen die Vereinnahmung durch die Populisten aller Couleur. Aber auch die etablierten Formationen äussern Sympathien für sie – die konservativen Republikaner, weil die Gelbwesten gegen den Fiskus sind, die Sozialisten, weil die Protestierenden mehr Sozialhilfen verlangen.

Und die «gilets jaunes» sind trotz ihrer Strassensperren immer populärer: nicht weniger als 84 Prozent der Franzosen – vor zwei Wochen waren es 76 Prozent gewesen – erklären sich laut Umfragen solidarisch mit ihnen. Die Tierschützerin Brigitte Bardot zog sogar einem Hund eine Gelbweste über. Nur die «République en marche», Macrons Bewegung, die noch vor einem Jahr Furore gemacht und Frankreich politisch umgepflügt hatte, bleibt auf Weisung des Élysée auf Distanz und verteidigt mit Ökoargumenten die höhere Benzinsteuer ihres Präsidenten.

Frau stirbt bei Protesten gegen Spritpreise

17. November 2018: Eine Frau stirbt bei den Protesten gegen die geplante Dieselsteuererhöhung.

«En Marche» ist out

Die Gelbwesten zeigen auf, wie rasant sich die politischen Verhältnisse und Strömungen in Frankreich heute ändern. «En Marche» ist out, jetzt haben die «gilets jaunes» die Gunst der Stunde. Dabei wären sich diese aus dem Nichts gekommenen Bewegungen gar nicht so unähnlich: Beide existieren dank der sozialen Medien, beide sind politisch ambivalent, zum Teil gar apolitisch, beide verkörpern die nicht minder schlecht definierte «Mittelschicht».

Mit den Gelbwesten verglichen sehen die klassischen Parteien und Gewerkschaften nur noch alt aus. In vielem ähneln sie den «Cinque Stelle» in Italien: Sie scheren sich nicht um ihre Widersprüche, verlangen sie doch tiefere Steuern und weniger Staat, aber auch höhere Sozialgelder und mehr Service public. Die französische Bürgerbewegung hat indes keine Cheffigur wie Beppe Grillo, sie ist zudem verzettelt und schlecht organisiert. «Nur die Wut ist uns gemein», rief eine ältere Dame namens Francine diese Woche bei einer Sperre in der Nähe von Orléans.

Anders als die «Fünfsterne» sind die Gelbwesten nicht gegen die EU. Das ist eher erstaunlich für eine Graswurzelbewegung, der – grösstenteils zu Unrecht – poujadistische Untertöne unterstellt werden. Es hebt sie auch von den EU-Gegnern Le Pen und Mélenchon ab – und würde sie eigentlich eher Macrons En Marche annähern. «L’Europe» wird in Frankreich allerdings nur von nationalen Ideologen abgelehnt, und die Gelbwesten sind alles, nur keine Ideologen. Auf den Barrikaden der Champs-Élysées schwangen sie am vergangenen Samstag die Nationalflagge und unmittelbar daneben eine rote Fahne mit dem schwarzen Guevara-Kopf. Als hätte sich der Che jemals für Benzinpreise interessiert.

Die Pariser Politologen versuchen die Gelbwesten vergeblich in ein Schema zu passen. Einigkeit herrscht nur, dass sie meist zur unteren Mittelklasse gehören – es sind eher Arbeiter und Kleingewerbler als Lehrer oder Anwälte. Gut sichtbar wird dies an den ausfransenden Stadträndern von Paris: Im westlichen VorortDepartement Yvelines, wo die betuchteren Kreise wohnen, ziehen die «gilets jaunes» wenig. Umso mehr im Ost-Departement Seine-et-Marne, wo der Wind die Gerüche der Hauptstadt hinweht und das einfachere Volk lebt.

Macron in die Knie zwingen?

Dort, im endlosen Pariser Osten, betreibt zum Beispiel eine der acht Gelbwesten-Sprecher, Priscillia Ludosky, einen Laden für biologische Kosmetika. Mit ihrer ökologisch orientierten Gelbwesten-Petition hat die Sklavennachfahrin aus den Antillenüber eine Million Unterschriften erhalten.

Unentschieden ist, ob die Warnwesten den – eher hartnäckigen – Präsidenten in die Knie zwingen können. Und ob ihre Bewegung von Dauer sein wird. Ihre politische Widersprüchlichkeit macht dies nicht sehr wahrscheinlich. Auch passen diese atypischen Protestler nicht in das französische System der Fünf- ten Republik. Aber vielleicht fegen sie es ja bald weg.