Die Bilder des Todes und des Chaos in der europäischen Flüchtlingskrise scheinen zu einem Umdenken zu führen: Immer mehr EU-Länder zeigen sich bereit dazu, Plätze für Asylbewerber anzubieten. Grossbritanniens Premierminister David Cameron kündigte an, sein Land werde zusätzliche 6000 syrische Flüchtlinge aufnehmen. Bisher hatte der Konservative in der Asylpolitik eine harte Linie gefahren. Doch inzwischen ist er dafür bei den eigenen Wählern unter Druck geraten: Mit einer Petition forderten mehr als 300 000 Briten eine grosszügigere Flüchtlingspolitik. Auch Irland kündigte an, mit über 1800 dreimal mehr Migranten zu beherbergen als bisher geplant.

Beide Länder bieten diese Plätze für Personen in Flüchtlingslagern an, nicht aber für solche, die über andere Staaten einreisen. Sie machen auch nicht mit beim Plan der EU-Kommission, 160 000 Personen solidarisch zu verteilen. Unterstützung erhält die Kommission dafür von Deutschland und Frankreich, die gemeinsam einen obligatorischen Verteilschlüssel verlangen.

UNO: Mindestens 200 000

Diese Pläne gehen dem UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge, Antonio Gutierrez, bei weitem nicht weit genug. Es sei ein «Moment der Wahrheit für Europa», sagte Gutierrez. Mindestens 200 000 Plätze seien nötig. «Die Situation verlangt eine gewaltige gemeinsame Anstrengung, die mit dem heutigen Ansatz von Teillösungen nicht zu bewältigen ist», sagte Gutierrez. Er forderte gemeinsame europäische Aufnahmezentren für Asylsuchende in Griechenland, Ungarn und Italien – was auch Deutschland und Frankreich planen. Zudem müssten die EU-Länder laut Gutierrez die Nachbarstaaten von Kriegsregionen besser bei der Betreuung von Flüchtlingen unterstützen, etwa die Türkei oder den Libanon. In den beiden Ländern haben mehr als 3 Millionen Syrer vorübergehend Zuflucht gefunden.

Gutierrez erwartet von der EU deutlich mehr Engagement – dabei ist nach wie vor fraglich, ob überhaupt die Vorschläge der EU-Kommission durchkommen. Bisher hatten sich vor allem Länder wie Polen, die Slowakei, Tschechien und Ungarn gegen die Verteilung gewehrt. Nach einem speziellen Migrations-Gipfel der vier Länder schienen sie ihren Widerstand ein klein wenig aufzuweichen. Einen obligatorischen Verteilschlüssel lehnen sie nach wie vor ab, doch sind sie bereit, auf freiwilliger Basis Flüchtlinge aufzunehmen.

Ungarns Premierminister Viktor Orban kritisierte die Pläne der EU-Kommission besonders hart. Ungarn würde von einer Verteilung zwar profitieren, doch befürchtet Orban, das würde nur noch mehr Asylbewerber anlocken. «Europa wird durch eine Masseneinwanderung bedroht, Dutzende Millionen von Menschen könnten nach Europa kommen», sagte Orban im ungarischen Radio. «Plötzlich werden wir erkennen, dass wir auf unserem Kontinent zur Minderheit geworden sind.» Jedes Land müsse selbst entscheiden können, ob es Muslime aufnehmen wolle, sagte Orban – obwohl das Recht auf Asyl ungeachtet von Herkunft und Religion durch das Völkerrecht garantiert ist. Geharnischt reagierte darauf der Luxemburger Aussenminister Jean Asselborn: «Man muss sich manchmal schämen für Viktor Orban.» Orbans Aussagen seien nicht die eines echten Christen.

Zu Fuss Richtung Österreich

Jeden Tag kommen derzeit 3000 Flüchtlinge in der EU an, wie die UNO schätzt. Entlang der Reiserouten häufen sich die Zeichen der Überforderung der Behörden. In den vergangenen Tagen internierte die ungarische Polizei Tausende Asylbewerber. brachen mehrere hundert aus zwei Internierungslagern aus und machten sich zu Fuss auf den Weg Richtung Österreich.

Dieselbe Wahl trafen rund 3000 weitere Migranten, die in der Hauptstadt Budapest feststeckten, nachdem der internationale Zugverkehr eingestellt worden war. Bilder zeigten einen breiten Menschenzug, der sich durch enge Gassen zwängte und über eine abgesperrte Autobahn ausdehnte.

Auf der griechischen Insel Kos wurde EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos von Demonstranten ausgebuht. Sie protestierten gegen die Anwesenheit Tausender Asylbewerber auf der Tourismusinsel. In der Nacht auf Freitag kam es zu Handgemengen zwischen Asylbewerbern und Rechtsradikalen.