Zögerlich setzte der Applaus der Delegierten ein, Andrea Nahles lächelte gequält. Allmählich erhoben sich in den Reihen hinter ihr dann doch die Delegierten zur stehenden Ovation, erste Gratulanten versammelten sich um Andrea Nahles.

Die 47-jährige bisherige Fraktionschefin wurde beim SPD-Parteitag am Sonntag in Wiesbaden zur ersten Parteivorsitzenden in der beinahe 155-jährigen Geschichte der deutschen Sozialdemokraten gewählt. Doch der Start in ihr neues, hohes Amt ist Nahles eher missglückt.

Gerade mal 66,35 Prozent der etwa 600 Delegierten gaben Nahles ihre Stimme. Das ist kein gutes Resultat. Das zweitschlechteste gar seit 1946, nur Oskar Lafontaine wurde 1995 mit einem noch geringeren Wert an die Parteispitze gewählt.

Quittung für die letzten Monate

Allerdings ist es in der Nachkriegsgeschichte der Partei auch erst zum zweiten Mal zu einer Kampfkandidatur um den Parteivorsitz gekommen. Am Sonntag bot sich die zuvor national weitgehend unbekannte Oberbürgermeisterin von Flensburg, Simone Lange, den Delegierten als Alternative zu Nahles an, die vom Parteivorstand einstimmig für den Vorsitz nominiert worden war. Lange plädierte dafür, die Partei deutlich weiter links zu positionieren und forderte eine Korrektur der Arbeitsmarktreform Agenda 2010. Immerhin 27,6 Prozent der Delegierten votierten für die Aussenseiterin aus Flensburg. Die SPD-Spitze erhoffte sich ein deutlich besseres Resultat für ihre neue Parteivorsitzende Nahles.

Die SPD-Chefin startet also mit einer Hypothek in ihr neues Amt – die Wahl passt ins Bild, das die SPD seit Monaten abgibt. Da war der Absturz nach dem anfänglichen Hype um den inzwischen geschassten Parteivorsitzenden Martin Schulz, die verloren gegangenen Landtagswahlen im letzten Frühjahr und die krachende Niederlage bei den Bundestagswahlen im letzten Herbst. Die SPD sackte auf den historisch schlechtesten Wert von 20,5 Prozent ab.

Was folgte, war ein Zickzack-Kurs der Parteileitung. Zuerst schloss die Parteiführung kategorisch aus, mit Merkel abermals eine Regierung zu bilden – um dann letztlich bei den Delegierten und der über 450'000 Mitglieder umfassenden Parteibasis genau für eine solche unbeliebte Grosse Koalition zu werben. Die Folgen sind nach wie vor spürbar: Die SPD liegt in Umfragen deutlich unter der 20-Prozent-Marke – und bedrohlich nahe an der Alternative für Deutschland (AfD).

Teil der stolpernden Partei-Elite

Nahles gehörte dieser unglücklich agierenden SPD-Elite an, warb seit Anfang Jahr mit Vehemenz bei Basis und Delegierten für eine Neuauflage der Grossen Koalition. Das schlechte Ergebnis ist Ausdruck der nach wie vor tief sitzenden Unzufriedenheit etlicher SPD-Delegierten mit dem eingeschlagenen Weg der SPD in das vierte Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel.

Nahles, ehemalige Juso-Chefin, Vize-Parteichefin und Generalsekretärin, muss in ihrem Amt das Kunststück fertig bringen, den Erneuerungsprozess einer Partei anzustossen, die zugleich konstruktive Regierungsarbeit leisten muss. «Man kann eine Partei in der Regierung erneuern, diesen Beweis will ich erbringen», warb Nahles – die selbst nicht Teil des Regierungskabinetts ist – bei den Delegierten um Vertrauen.

Die SPD müsse sich dem aufflammenden Rechtspopulismus entschieden in den Weg stellen. Zugleich mahnte sie dazu, dass sich die Partei auch unbequemen Themen stärker zuwenden solle – und Fragen etwa um Kriminalität und Zuwanderung nicht den politischen Rechten zu überlassen. «Wir müssen ohne jedes Ressentiment und frei von Angst, in irgendeine Ecke gestellt zu werden, die Probleme ansprechen, die in unserem Land existent sind.»