Kommentar

Fall Khashoggi: Nackte Wahrheit sieht anders aus

Jamal Khashoggi wurde im saudischen Konsulat in Istanbul getötet.

Jamal Khashoggi wurde im saudischen Konsulat in Istanbul getötet.

Der Kommentar von CH-Media-Korrespondent Martin Gehlen zu den jüngsten Entwicklungen im Fall des getöteten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi.

Jeder Krimileser weiss: Die nackte Wahrheit in einem Mordfall sieht anders aus als das, was der türkische Präsident am Dienstag im Parlament von Ankara vorlegte. Entgegen seiner grossspurigen Rhetorik überzeugte Erdogan auch diesmal nicht als Journalistenbeschützer und staatsmännischer Aufklärer, sondern präsentierte sich erneut als Meister des doppelbödigen Machtpokers. Ross und Reiter dieser schrecklichen Bluttat zu nennen, blieb er der Familie und der weltweiten Öffentlichkeit schuldig. Dafür lässt er seinen regimetreuen Zeitungen immer neue Ermittlungsdetails zuspielen, zuletzt sogar abgehörte Telefonate zwischen dem Istanbuler Mordkommando und dem Kronprinzenbüro in Riad.

Aus Sicht der türkischen Führung ist das beschädigte Verhältnis zu Saudi-Arabien nur noch zu reparieren, wenn Thronfolger Mohammed bin Salman entmachtet wird. Drei Wochen lang hat Ankara den Kronprinzen jetzt schon in beispielloser Weise blossgestellt. Mit diesem jungen Mann kann die Türkei kein gedeihliches Verhältnis mehr aufbauen. Und so setzt Erdogan darauf, das Herrscherhaus durch stetige Enthüllungen und internationale Empörung zu zermürben. Erdogan weiss sich darin mit anderen Zweigen der Königssippe einig, die das despotische Machtgebaren des Salman-Sohnes lieber heute als morgen beenden möchten. Sollte der greise König Salman diesem Druck am Ende nachgeben, wäre dem Potentaten aus Ankara der Dank der übrigen Königssippe sicher – und damit auch viele neue Investitionsmilliarden aus dem saudischen Staatsschatz.

ausland@chmedia.ch

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