Verschiedene in der DDR lebende Schweizer Staatsbürger wurden von der Stasi als „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) angeworben. Wichtigster Spitzel für die Stasi gegen die Schweiz war Siegfrid Kringel, Deckname „Nicolai“.

Kringel alias „Nicolai“ war viele Jahre der Chauffeur der Schweizer Botschafter. Zwischen 1972 und 1989 fertigte „Nicolai“ mehrere Berichte über Feierlichkeiten, Besucher und Gespräche an der Esplanada 21 in Berlin-Pankow, wo die Schweizer Botschaft bis 1990 ihren Sitz hatte, für die Stasi an.

Weitere Spitzel mit Decknamen wie Gert, Egon, Dietmar, Ingrid, Bern oder Rolf finden sich in den mehreren tausend Seiten umfassenden Stasi-Protokolle über die Schweiz.

„Er beschimpfte seine Frau“

Die Stasi interessierte sich insbesondere auch für Charaktereigenschaften des Botschaftspersonals. Die Notiz von „IM Nicolai“ vom 9. Mai 1978 über einen nachträglich anonymisierten Mitarbeiter der Botschaft ist für die Stasi vermutlich – so absurd es sich liest – gar nicht unerheblich.

Die Vorliebe für schöne Frauen des beschriebenen Mitarbeiters könnte die Behörde dazu veranlasst haben, eine hübsche Agentin auf den Mann anzusetzen, um an relevante Informationen heranzukommen: „Es wurde weiter bekannt, dass er bei Empfängen und ähnlichen Anlässen, wo seine Ehefrau nicht zugegen ist, stets versucht, Verbindungen zu anderen Frauen aufzunehmen. Ob es in dieser Richtung schon zu engeren Beziehungen gekommen ist, wurde nicht bekannt. Das Verhältnis zu seiner Ehefrau ist nicht besonders gut. Vom IM konnte mehrmals beobachtet werden, wie er seine Frau beschimpfte“, notierte Nicolai.

Allerdings lief es bisweilen auch umgekehrt. Eine Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft hat sich 1977 offenbar in einen von der Stasi abgestellten Spitzel verliebt – was dem Spion gar nicht in den Kram passte. Am 14. September 1977 heisst es in einem Stasi-Vermerk über eine junge Schweizer Botschaftsmitarbeiterin (nachträglich anonymisiert): „Sie zeigt grosse Bestrebungen mit dem IM intim zu verkehren, welches aber beim IM nicht auf Gegenliebe stösst, da die geschwärzter Name nicht sein Typ ist und er ausserdem verheiratet ist. Weiterhin stelle es eine grosse zeitliche Belastung dar, da die geschwärzt bestrebt ist, jeden Tag mit ihm möglichst zusammenzutreffen.“

Die Aufgabe des Spitzels war es, über die Botschaftsmitarbeiterin weitere Kontakte zum Botschaftspersonal und den Diplomaten zu knüpfen – um deren politische Einstellung auszuhorchen.

Diplomatenwohnung wird verwanzt

Ziemlich oft lag die Stasi mit ihren Beobachtungen allerdings auch daneben. Am 31. März 1977 beschloss die Hauptabteilung II/9, die zur „Aufdeckung und Abwehr geheimdienstlicher Angriffe gegen die DDR“ zuständig war, den damaligen Botschaftssekretär „wegen seines Kontaktes zum Mitarbeiter der US-Mission in Westberlin und gleichzeitigen CIA-Mitarbeiters“ zu observieren.

Die Stasi wurde laut Protokollen von einem in der DDR akkreditierten Schweizer Journalisten der linken Zeitung „Vorwärts“ auf den Mann aufmerksam. Der Journalist „äusserte den Verdacht“, der Botschaftssekretär „sei ein Nachrichtenmann“, heisst es in einem Stasi-Protokoll. Der Verdacht schien sich für die Behörde zunächst zu erhärten, nachdem ein Spitzel beobachtet hatte, wie der Schweizer an einem Frühjahrsabend 1977 für mehrere Stunden in der Wohnung des CIA-Mitarbeiters entschwand.

Die Stasi reagierte auf das in ihren Augen konspirative Treffen mit dem CIA-Mann nervös. Die Behörde verstärkte umgehend die Anstrengungen und liess von mehreren Spitzeln ein Charakterprofil des Schweizers erstellen. Der Botschaftssekretär wird in den Unterlagen als Mann mit „hohem Allgemeinwissen“ beschrieben, der durch „sein unkompliziertes und freundliches Auftreten schnell Kontakte knüpfen“ könne, welche er versuche, „zielgerichtet weiter auszubauen.“

Der Zürcher Jurist mit „Vorliebe für klassische Musik“ unterhielt seit seiner Ankunft in der DDR 1975 laut Protokollen ausserdem „zahlreiche Verbindungen zu Kunst- und Kulturschaffenden der DDR, Kirchenvertretern, Wirtschaftsexperten und Journalisten“, was ihn für die Stasi zusätzlich suspekt machte. Es bestünde der Verdacht, dass der Mann „für die CIA arbeitet“, hält ein gewisser Leutnant Wohlfahrt schriftlich fest. Die Stasi veranlasste einen „verstärkten IM Einsatz zur Verdichtung der Verdachtsmomente“.

Auf den Mitarbeiter des Schweizer Aussenministeriums wurden gleich sieben Spitzel angesetzt, darunter der bereits bekannte IM „Nicolai“ oder die IM „Frank“ (Journalist) und „Werner Ulrich“ (Rechtsanwalt). Zudem verfügte die Stasi die Massnahme „A“. Das bedeutete für den Schweizer nichts Gutes: Die Privatwohnung des Botschaftssekretärs wurde von der Stasi heimlich komplett verwanzt. Ein knappes halbes Jahr später verliess der ins Visier der Stasi geratene Schweizer die DDR allerdings in Richtung Südafrika, wo er für das Schweizer Aussendepartement eine Tätigkeit auf der Botschaft in Pretoria aufnehmen sollte.

Die Stasi-Akte wurde mit dem Abschlussbericht vom 1. September geschlossen. Leutnant Wohlfahrt hielt darin mit leichter Enttäuschung fest: „Es konnten bis zu seiner Abberufung keine nachrichtendienstlichen Aktivitäten nachgewiesen werden.“

Sprengstoff aus Salamiwurst

Beim Durchstöbern der Stasi-Akten stösst man bisweilen auch auf Absurditäten. Ende November 1979 notierte die Stasi, dass sich ein in der DDR inhaftierter Schweizer Staatsangehöriger (Delikt unbekannt) ein „Weihnachtspaket“ von der Schweizer Botschaft wünsche. Der Mann erhielt wohl, wie von ihm gewünscht, unter anderem Rauchlachs, Käse, Lebkuchen (Stasi: „Schweizer Art“), Bündnerfleisch, Mandarinen, Ovomaltine „und eine Weihnachtskerze“, allerdings wurde ihm der Wunsch nach einer „Salamiwurst“ ausgeschlagen. Und dies ausgerechnet vom damaligen Schweizer Konsul Aeby.

Die Stasi notierte eifrig mit, mit welcher Begründung der Schweizer Diplomat dem Gefangenen erläuterte, weshalb Salamiwürste in Gefängnissen Tabu sind. „Aeby erwähnte, dass es in Italien streng verboten ist, den Inhaftierten Salamiwurst zu übersenden. Die zuständigen italienischen Behörden haben ihm als Schweizer Konsul offiziell erklärt, dass man aus den Pfefferkörnern der Salamiwurst zusammen mit anderen Materialien Sprengstoff herstellen könne, welcher zumindest die Schlösser der Zellentüren öffnen können“, schreibt ein gewisser Oberstleutnant Pfütze.

Leider – wie auch Offizier Pfütze bedauert – erklärte Aeby nicht näher, wie man aus Pfefferkörnern Sprengstoff herstellen kann: „Aeby konnte dazu keine näheren Erklärung geben, versicherte jedoch, dass unter entsprechenden Umständen dies durchgeführt werden könne.“

„Schweizer Finanzoligarchie“

Neben bisweilen seltsamen Beobachtungen und Beschreibungen über Botschaftspersonal und Diplomaten finden sich in den Akten Notizen über Botschaftsempfänge sowie detaillierte Pläne über das Areal und das Gebäudeinnere der Schweizer Botschaft. Zudem ist es der Stasi gelungen, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre den Schweizer Funkverkehr zu entschlüsseln.

Aufgrund der dadurch gewonnenen Erkenntnisse erstellte die Behörde ein umfassendes Profil über die Eidgenossenschaft. Obschon als neutraler Staat weder Nato- noch UNO-Mitglied, betrachtete die Stasi die Schweiz als Feindesland.

Die Hauptabteilung III (elektronische Funkaufklärung) hält am 4. Januar 1986 in einem mehrseitigen Bericht fest: „Die Schweiz verfügt über einen international durchorganisierten Propagandaapparat. Mit seiner Hilfe wird der Weltöffentlichkeit unermüdlich ein Bild vom idealen Schweizer Staat, seiner Neutralität, seinem Freiheits- und Friedenswillen vermittelt.“

Dieses „ständige Aufwerten gerade dieser Ideale ist mit handfesten ökonomischen Interessen der Schweizer Finanzoligarchie verbunden. Die enge ideologische Partnerschaft zum USA-Imperialismus wird auch in den Massenmedien der Schweiz deutlich.“ Die in der Schweiz verbreiteten Informationen über die Lage in der Welt seien „durchweg vom Antikommunismus/Antisowjetismus aller Schattierungen geprägt“, die Schweiz beteilige sich stets an internationalen, von den USA gesteuerten antikommunistischen Kampagnen.

„Die so genannt ‚neutrale‘ Schweiz“

Die Schweiz sei zudem „der wichtigste Geldmarkt der Welt, der wichtigste Markt für Gold und Rückversicherungen“ und das zweitreichste Land der Erde. Diesen Reichtum habe die Schweiz der „internationalen Finanzoligarchie“ zu verdanken, die von der Schweizer Bankengesetzgebung und dem Bankgeheimnis profitierten.

„Im Rahmen der weltweiten imperialistischen Systems spielt die Schweizer Oligarchie eine zentrale, unentbehrliche Rolle. Unter der Flagge der humanitären Hilfe und auch der so genannten ‚Entwicklungshilfe‘“ würden den führenden Schweizer Konzernen „Aufträge in Milliardenhöhe verschafft.“ Die Stasi lässt hier allerdings unerwähnt, dass auch die DDR vom Schweizer Finanzplatz im hohen Masse zu profitieren versuchte.

Die Schweizer Neutralität stellte die DDR zudem in militärischen Belangen in Frage: „Die ‚neutrale‘ Schweiz beteiligt sich umfangreich am profitablen internationalen Waffengeschäft“, heisst es in dem Bericht der Hauptabteilung III vom Winter 1986 weiter.