Wie konnte die im Ausland oft als vorbildlich angesehene norwegische Gesellschaft einen Moslemhasser und Massenmörder wie Anders Behring Breivik hervorbringen?

Kristian Berg Harpviken: Es ist übertrieben, oft ein monokausales Konstrukt ausländischer Medien, Breiviks Tat über Norwegens Gesellschaft erklären zu wollen. Er ist ein Störfall, den es in jeder

noch so gelungenen Gesellschaft geben kann – und eigentlich auch ein Einzelgänger. Auch wenn er Gesinnungskollegen hatte, mit denen er seine Pläne diskutieren konnte, spricht immer mehr dafür, dass er die Tat im Alleingang ausgeführt hat. Natürlich haben wir in Norwegen auch eine rechtsextreme Szene. Aber sie ist nicht stärker ausgeprägt als andernorts in Europa. Eher viel weniger.

Warum konnte ein so reiches Land mit einer sozial ausgeglichenen demokratischen Gesellschaft und einem geringen moslemischen Bevölkerungsanteil ihn nicht integrieren?

Einmal ist Breivik wie gesagt ein menschlicher Störfall. Aber gleichzeitig stimmt es, dass wir ein sehr kompromisslastiges, betont korrektes politisches System haben. Meinungen, die ausserhalb dieser politischen Mitte liegen, werden relativ intolerant ausgegrenzt. Es ist etwa völlig tabu, über Kriminalität im Zusammenhang mit Minderheiten zu sprechen. Aber dadurch, dass solche Themen bei uns einfach nicht fair angesprochen werden, verlieren wir vielleicht Menschen, die sich dann ein radikales Weltbild über fanatische Internetseiten aufbauen. In Norwegen müssen wir nun entscheiden, ob wir extreme Ansichten aufnehmen und debattieren und so vielleicht entschärfen. Sie weiter nur stigmatisieren und den Kopf in den Sand stecken, ist unserer Demokratie wenig dienlich.

Wird Norwegen nun seine innere Sicherheit verschärfen?

Es wird Veränderungen geben, aber keine extremen. Wichtige Vertreter der Regierung und Gebäude werden besser überwacht werden. Die in den letzten Jahren begonnene Überwachung islamistischer Gruppen wird auf Rechts- und Linksextreme ausgeweitet. In den Städten waren bereits vor den Anschlägen Kameraüberwachungssysteme ausgebaut. Zudem hat Norwegen erst kürzlich die EU-Datenrichtlinie übernommen. Diese räumt unseren Sicherheitskräften weitaus grössere Rechte zur Überwachung von Telefon- und Internetkommunikation ein, als es bislang der Fall war. Aber auch das wurde schon vor der Tat entschieden.

Werden norwegische Polizisten bald Schusswaffen tragen dürfen?

Nein, waffenlose Polizisten sind bei uns ein sehr starkes, im Volk verankertes Bekenntnis zur offenen zivilen Gesellschaft. Das steht gar nicht zur Debatte, auch jetzt nicht. Wie auch unser Ministerpräsident Jens Stoltenberg derzeit richtig betont, müssen wir an unseren Werten und der Offenheit festhalten.

Ist der lange eher nüchterne Regierungschef Stoltenberg zu einem Landesvater geworden?

Dass Stoltenberg diese unglaubliche Krise ausgezeichnet gemeistert hat und seinem Volk in schwerer Stunde den Halt und das Vertrauen in die Landesführung gab, den es braucht, wird ihm hoch angerechnet. Er ist tatsächlich ein bisschen zu einem Landesvater geworden.