Italien

Exodus aus dem Belpaese: Die Italiener verlassen in Scharen ihr eigenes Land

Bleiben oder auswandern, fragt sich der junge Römer.Thinkstock

Bleiben oder auswandern, fragt sich der junge Römer.Thinkstock

Krise und Vetternwirtschaft vertreiben immer mehr Italiener aus dem eigenen Land: Letztes Jahr wanderten 115'000 aus – ein neuer Rekord.

Schlagzeilen macht Italien normalerweise eher mit Ein- als mit Auswanderung: Im vergangenen Jahr sind 180 000 meist afrikanische Bootsflüchtlinge an den Küsten Siziliens und Kalabriens gelandet, ein Rekordwert. Und der Ansturm der Armutsmigranten und Kriegsflüchtlinge hält weiter an.

Doch im Schatten der Einwanderungswelle spielt sich in Italien auch ein Drama mit umgekehrten Vorzeichen ab: Rund 115 000 Italiener haben ihr Land im letzten Jahr verlassen, so viele wie noch nie seit der grossen Auswanderungswelle zwischen 1860 und 1970. Die Zahl entspricht etwa der Bevölkerung einer Stadt wie Vicenza.

Dunkelziffer noch höher

Seit Beginn der hartnäckigsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit im Jahr 2006 hat die Zahl der Italiener, die ihr Glück ausserhalb der Heimat suchen, jedes Jahr zugenommen. Laut dem italienischen Aussenministerium ist die Zahl der Auslanditaliener von 2006 bis 2016 von etwas mehr als drei Millionen auf fast fünf Millionen gestiegen. Das sind freilich nur die amtlichen Zahlen, sie basieren auf den Angaben der Gemeinden, bei denen sich die Auswanderer abgemeldet haben. Da aber viele Italiener ihr Land verlassen, ohne sich regulär abzumelden, dürften die effektiven Auswanderungszahlen deutlich höher liegen.

So oder so hat die neue Auswanderungswelle bedenkliche Ausmasse angenommen – vor allem deshalb, weil immer mehr gut ausgebildete Italiener ihr Land verlassen. Im Unterschied zu früher, als viele der Emigranten kaum lesen und schreiben konnten, sind heute die meisten italienischen Auswanderer gut bis sehr gut qualifiziert: Laut dem Statistikamt Istat besassen von den Auswanderern der letzten sieben Jahre 48 Prozent einen Hauptschulabschluss, 30 Prozent ein Berufsdiplom oder eine Matura (Abitur) und 22 Prozent einen Universitätsabschluss. Italien zahlt dafür einen hohen Preis: Laut einer Studie sind von 2008 bis 2015 durch die Auswanderung 23 Milliarden Euro an Bildungsinvestitionen ans Ausland verloren gegangen.

Immer mehr Ältere gehen

Interessanterweise wandern auch immer mehr ältere Personen aus: Laut einer Studie hat die Zahl der 40- bis 49-jährigen Auswanderer zwischen 2008 und 2014 um 85 Prozent zugenommen – der grösste Zuwachs innerhalb der einzelnen Altersgruppen. Immer mehr Italiener versuchen ihr Glück ausserdem in China und anderen Staaten des Fernen Ostens. Die beliebtesten Zielländer bleiben Deutschland und Grossbritannien mit je rund 16 500 italienischen Einwanderern sowie die Schweiz und Frankreich mit je rund 11 000 (die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2015).

Der Hauptgrund für die Auswanderung sind die schlechten Berufs- und Karriereaussichten in Italien: Die Arbeitslosenrate beträgt 11,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 35 Prozent. Ein nicht zu unterschätzender Grund ist zudem die verbreitete Vetternwirtschaft: In Italien nützt oft das beste Abschlusszeugnis oder Staatsexamen nichts, wenn man keinen «santo in paradiso» (Heiligen im Paradies) hat. So werden in Italien die einflussreichen Leute in der Politik, in den staatlichen Grossunternehmen und in der Verwaltung genannt, die Stellenausschreibungen meist nach Belieben dirigieren und manipulieren können.

Die richtigen Leute kennen

Ausgerechnet Arbeitsminister Giuliano Poletti hat diese für Millionen junge Italiener frustrierende Praxis unlängst bestätigt: «Ein Fussball-Spielchen mit den richtigen Leuten schafft oft bessere Job-Möglichkeiten als das Einsenden des Curriculums», hat der sozialdemokratische Minister vor einigen Tagen verlauten lassen. Die Feststellung klang nicht nach Kritik, sondern wie eine Ermunterung, sich ebenfalls um ein Beziehungsnetz zu bemühen. Der Minister weiss, wovon er spricht: Polettis Sohn hat eine gut bezahlte Stelle bei einer Zeitung erhalten, die vom Staat mit jährlich 190 000 Euro subventioniert wird. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Das Problem ist offensichtlich: Diejenigen, die an der Vetternwirtschaft etwas ändern könnten – Minister, Unternehmer und hohe Funktionäre –, haben an Veränderungen kein Interesse, weil das Problem sie nicht betrifft. Sie werden für die eigenen Kinder und die ihrer Verwandten immer einen guten Posten finden, seien sie noch so dumm und unbegabt.

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