Ohne Reue

Ex-RAF-Mitglied: «Ich hadere nicht mit dem Scheitern, sondern wie wir gescheitert sind»

20 Jahre sass Karl-Heinz Dellwo, Ex-RAF-Mitglied, im Gefängnis. Gregor Zielke

20 Jahre sass Karl-Heinz Dellwo, Ex-RAF-Mitglied, im Gefängnis. Gregor Zielke

Vor 40 Jahren erschütterte eine Serie von Anschlägen der RAF Deutschland. Nur wenige ehemalige Mitglieder reden über ihre Zeit in der Terrororganisation. Karl-Heinz Dellwo ist einer von ihnen. Wir haben ihn besucht.

Als die Frage aufkommt, ob er Reue verspüre, erhebt sich die Stimme von Karl-Heinz Dellwo. «Die Frage nach Reue ist nichts als ein Abfragen. Reue bedeutet: Sag doch einfach, du hast in richtigen Verhältnissen etwas falsch gemacht. Diese Reue», fügt Dellwo hinzu, «habe ich nicht.» Der 65-Jährige sitzt in der Küche seiner Hamburger Genossenschaftswohnung. Ein Mann mit selbstbewusstem Blick, freundlich, aber distanziert. Dellwo wird in diesen Tagen, 40 Jahre nach dem «Deutschen Herbst», oft gefragt, ob er seine Geschichte, die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF), erzählen könne.

Dellwo war dabei, als das «Kommando Holger Meins» im April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm besetzt und 12 Geiseln festgehalten hatte. Zwei Diplomaten wurden damals von den Linksterroristen getötet. Der Militärattaché Andreas von Mirbach mit fünf Schüssen niedergestreckt. Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart am offenen Fenster exekutiert. Wer geschossen hat von den sechs RAF-Terroristen, darüber wird bis heute geschwiegen.

Zweimal lebenslänglich

Das «Kommando Holger Meins» will mit der Aktion die inhaftierten RAF-Mitglieder der ersten Generation, darunter Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, freipressen. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) geht auf die Forderung nicht ein.

Kurz vor Mitternacht an diesem 24. April 1975 in Stockholm erschüttert eine gewaltige Explosion das Botschaftsgebäude. Aus bis heute ungeklärten Gründen fliegt die von den Terroristen präparierte Bombe in die Luft. Zwei RAF-Terroristen sterben bei der Explosion, Dellwo wird verhaftet und nach Deutschland überführt. Er, damals 23 Jahre alt, kassiert zweimal lebenslänglich. 1995 wird er, nach 20 Jahren, vorzeitig aus der Haft entlassen.

Die RAF: eine Dokumentation.

Die RAF: eine Dokumentation im Auftrag des WDR, 2016.

Vier Jahrzehnte sind seit dieser Zeit vergangen. Dellwo sagt über die Botschaftsbesetzung: «Wenn es Alternativen gibt zu solchen Schritten, muss man diese ergreifen. Hätte ich damals ein reiferes Bewusstsein gehabt, ich hätte die Stockholm-Aktion mit Sicherheit nicht gemacht.» Dellwo möchte die RAF und ihre Aktionen in den Kontext der damaligen Zeit stellen. Aus seiner Sicht habe es keine Alternative gegeben zum Widerstand gegen die damaligen Verhältnisse in der Nachkriegs-BRD.

Nazis auf wichtigen Posten

Deutschland, sagt Dellwo, wurde von den Siegermächten nach 1945 eine Demokratie geschenkt, vormalige Nazi-Schergen, Verantwortliche für Auschwitz, Tod und Verbrechen, fanden sich in der neuen Gesellschaft auf verantwortungsvollen Posten wieder. «Eine Abrechnung nach dem Faschismus hat es für die meisten nie gegeben.» Bereits in den 1960er-Jahren regte sich Widerstand in Gestalt von Studentenrevolten, nicht zuletzt inspiriert von den US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen und den Protesten gegen den Vietnam-Krieg.

Ein Gespräch mit Karl-Heinz Dellwo beim deutschen TV-Sender Pheonix

Ein Gespräch mit Karl-Heinz Dellwo beim deutschen TV-Sender Pheonix

«Das Gespräch kam erst nach intensiven Bemühungen zustande», sagt Moderator Michael Krons zu den Vorbereitungen des Exklusivinterviews 2015.

Der Staat setzte sich mit Vehemenz dagegen zur Wehr, erinnert sich Dellwo. «Die hysterische Reaktion der Staatsführung begründete sich aus der Angst der Eliten, es stehe nun doch noch eine Abrechnung für die Verbrechen in der Nazi-Diktatur an. Deshalb wollte man die Revolten im Keime ersticken und die Opposition vernichten.» Obschon damals, wie Dellwo erzählt, die Proteste bis weit in die Mitte der Gesellschaft auf Sympathien stiessen, waren die Studenten- und die Protestbewegung nicht in der Lage, «ihren Widerspruch über sich hinauszuführen, also vom Gegenkulturellen zum Gegengesellschaftlichen zu kommen», sagt Dellwo. Die Bewegung sei gegenüber «der Staatsrepression zerfallen».

Weiter gehen – oder zugrunde

Der militante Teil ging unter anderem in der RAF auf, die sich 1970 gegründet hatte. Dellwo, in einem links-intellektuellen Haushalt sozialisiert, hegte Sympathien für die Idee des bewaffneten Widerstands. Den Tod des RAF-Häftlings Holger Meins im November 1974, der mit Hungerstreik gegen die Isolationshaft protestiert und an deren Folgen mit 33 Jahren gestorben war, nennt Dellwo entscheidend dafür, dass er sich für den Schritt in den Untergrund entschieden hatte. «Sein Tod war für mich die Stunde der Entscheidung. Wir sagten uns: Entweder, wir gehen einen Schritt weiter – oder wir gehen hier zugrunde.»

«Idiotische, hirnverbrannte Ideologie»: Die selbe Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt über die RAF

«Idiotische, hirnverbrannte Ideologie»: Die selbe Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt über die RAF

Die Ereignisse im Herbst 1977 bezeichnet Dellwo als «Neugründung der Bundesrepublik.» «Ich hadere nicht mit dem Scheitern der RAF, ich hadere, wie wir gescheitert sind», sagt er. Die RAF sei am Ende «in einer gewissen Weise privat geworden». Es ging in ihrem Kampf nicht mehr um eine gesellschaftliche Veränderung, sondern um die Freipressung der Weggefährten aus den Gefängnissen und die Finanzierung des Lebens im Untergrund durch Banküberfälle. Dabei hätte damals, in den 1970er-Jahren, durchaus die Chance zum gesellschaftlichen Umbruch bestanden, ist Dellwo überzeugt. Vor allem die Landshut-Entführung habe aber zu einem Schulterschluss der Bevölkerung mit den Eliten der BRD geführt. Damals seien willkürlich Leute als mögliche Opfer ausgewählt worden. Durch die Ereignisse im «Deutschen Herbst» 1977 seien vormalige Sympathisanten von der RAF abgerückt und hätten begonnen, sich der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen. «Elite und Bevölkerung haben zueinandergefunden», räsoniert Dellwo und fügt hinzu: «Wir haben die Machtfrage auch verloren, weil wir uns durch illegitime Handlungen selber delegitimiert haben.»

Aber töten?

Dellwo erzählt, er habe in den damaligen Gegnern abstrakte Figuren, Repräsentanten eines verhassten Systems gesehen. «Ohne diese Abstraktion hätten wir die Aktion in der Botschaft nicht durchführen können.» Wenn Dellwo von damals erzählt, tut er das sachlich. Hanns-Martin Schleyer, der im Oktober 1977 ermordete Arbeitgeberpräsident, war ein ehemaliges Mitglied der SS. Jemand mit dieser Vita in einer gehobenen Position, das war für Dellwo unerträglich. «Wäre ich damals frei gewesen, ich hätte bei einer Sache wie der Schleyer-Entführung mitgemacht.»

Kann er seinem gesamten bisherigen Leben, diesen 20 Jahren im Gefängnis, nur noch einen Sinn geben, wenn er seine damalige Extremhaltung nun nicht einfach verwirft? «Ich bin nicht bereit, diesem System gegenüber Reue zu bekunden, und kann trotzdem feststellen, dass wir auch falsch gehandelt haben.» Dellwo spricht über Ungerechtigkeiten in unserer Welt. Über ein System, in dem Menschen ausgebeutet würden, einige wenige Milliarden haben und andere an Hunger und Entbehrung sterben. «Man redet über die Toten, für die wir verantwortlich sind. Aber die Unzahl von Menschen, deren Leben zugrunde gerichtet wird – das ist dann einfach so?», fragt er einmal. Von seiner Geschichte in der RAF distanziert er sich nicht. «Ich bin trotz aller Fehler froh, dass es sie gab. Es gibt zu wenig Widerstandsgeschichten in der Gesellschaft.»

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