Interview

Ex-Boxer Vitali Klitschko: «Donald Trump ist ein Fan von mir»

Heute schlägt er nur noch politische Kämpfe: Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew.

Heute schlägt er nur noch politische Kämpfe: Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew.

Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiew, spricht im Interview über Putin, die WM und seinen Hausbesuch beim US-Präsidenten.

Der Hüne ist nicht zu übersehen. Vitali Klitschko (46), zwei Meter gross, 112 Kilogramm schwer, wird in Davos nach einer Gesprächsrunde von allen Seiten belagert. Die Menschen wollen ein Selfie mit dem ehemaligen Boxweltmeister und Bürgermeister von Kiew.

Viele davon sind mehr interessiert am Champion als an dem ukrainischen Politiker. Anschliessend nimmt sich Klitschko eine halbe Stunde Zeit für ein Interview mit der «Nordwestschweiz». Er redet über Feinde, seine Beziehung zu Donald Trump und sagt, dass er die Krim nicht aufgibt. «Nie im Leben.»

Herr Klitschko, Sie attackieren seit Jahren Wladimir Putin wegen der Annexion der Krim. Im März wählen die Russen einen neuen Präsidenten. Haben Sie leise Hoffnung auf einen Machtwechsel?

Vitali Klitschko: Natürlich nicht! In Russland wird es keine echte Wahl geben. Putin und das System lassen das nicht zu. Es gibt keine Pressefreiheit, nur Propaganda. Russland befindet sich auf einem Weg zur Diktatur. Putin will ein neues Imperium aufbauen. Er hat die Wiederherstellung eines Gross- Russlands vor Augen. Moskau will nicht nur die Krim und Donezk, sondern das ganze Land. Aber wir Ukrainer sagen klar: Wir wollen nicht zurück in die UdSSR, wir wollen Teil der europäischen Familie werden.

Was bedeutet das für die Situation auf der Halbinsel Krim?

Die Welt hat gesehen, wie Russland das Budapester Memorandum gebrochen und die Einheit der Ukraine missachtet hat. Die internationale Gemeinschaft hat mit Sanktionen reagiert, das wichtigste Mittel in der Politik.

Eine Besserung ist allerdings nicht in Sicht. Noch immer sind zwei Millionen Ostukrainer auf der Flucht. Hat die Welt die Krim vergessen?

Nein, aber es ist schwierig, den Konflikt zu lösen. Putin kann sich seinen Traum von der Rückkehr zur Weltmacht ohne die Ukraine nicht erfüllen. Es ist frustrierend, denn ohne die Waffenlieferung der Russen, ohne finanzielle Unterstützung, ohne Putins Propagandamaschine wäre der Krieg nie ausgebrochen.

Kann die anstehende Fussball-WM in Russland als Druckmittel gegen Putin eingesetzt werden?

Sport und Politik lassen sich nur schwer trennen. Schon Nelson Mandela sagte: «Sport hat die Macht, die Welt zu verändern.» Aber nicht in Russland, dort wird der Sport von der Politik missbraucht. Wegen des Doping-Skandals von Sotschi dürfen die russischen Athleten an den Olympischen Spielen in Pyeongchang nur unter neutraler Flagge starten. Das sagt doch alles.

Dann wird die WM nichts ändern?

Nein, die Weltmeisterschaft wird garantiert zu Propagandazwecken missbraucht.

Jetzt übertreiben Sie.

Nein, überhaupt nicht. Ich spreche aus Erfahrung. Es findet seit Jahren eine regelrechte Gehirnwäsche statt. Menschen in der Ostukraine wurden nie gezwungen, Ukrainisch zu sprechen. Das ist Quatsch. Danach hiess es plötzlich, radikale Nationalisten und Russlandhasser kämen an die Macht. Auch Quatsch. Wir hassen uns doch nicht. Wie könnte ich Russen hassen, wenn meine Mutter Russin ist? Wenn ich etwas hasse, dann die Regierung, nicht die Menschen.

Russland soll laut NSA-Bericht auch den US-Wahlkampf beeinflusst haben.

Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Putin nutzt alle Mittel und Wege, um seine eigenen Interessen zu schützen.

Auch Donald Trump tut unliebsame Berichterstattung als Fake-News ab. Wie gefährlich ist das für die Demokratie?

Ich kenne die Mediensituation in den USA zu wenig, um mich detailliert zu äussern, kann aber sagen: Medien sind unglaublich mächtig, besonders in der Politik. Echte Informationen können einen Wandel herbeiführen, falsche allerdings auch. Propaganda ist gefährlicher als jede Waffe. Entscheidend ist Pressefreiheit, wir Ukrainer wissen das wie nur wenige Länder.

Haben Sie Angst, dass sich Trump mit Putin verbündet?

Nein, das wird wohl nicht passieren. Die USA werden weiterhin auf der Seite der freien Welt stehen. Und für Freiheit wird in der Ukraine gekämpft, nicht in Russland. Ich bin sicher, dass die USA und die Ukraine die gleichen Werte vertreten: Beide wollen eine moderne, demokratische Gesellschaft. Ich hoffe sehr, dass Trump unsere Bemühungen unterstützt.

Konnten Sie bereits mit ihm über die Krim sprechen?

Nein, aber ich kenne Trump aus meiner Zeit als Boxer. Er war bei vielen Kämpfen von mir und meinem Bruder dabei. Da tauscht man sich aus. Er hat mich auch schon zu sich nach Hause eingeladen. Trump ist ein grosser Fan von mir und meinem Bruder. Seit er Präsident ist, gab es allerdings keinen Kontakt mehr. Aber persönliche Beziehungen helfen in der Politik immer.

Was kann die Schweiz tun?

Wir erhalten viel moralische Unterstützung, aber auch das nötige Know-how, wenn wir danach fragen. Die Schweiz ist ein grosser Freund der Ukraine. Aber es liegt an uns, etwas zu ändern. Wir müssen schnell Reformen umsetzen und vor allem die Korruption verhindern.

Das haben Sie schon vor drei Jahren gesagt, warum wird es nicht besser?

Wir haben verschiedene Schritte unternommen, um Transparenz zu schaffen. Aber die Ukraine hat noch mit den Nachwehen des sowjetischen Systems zu kämpfen. Ich stehe für Transparenz und den Kampf gegen Korruption. In den vergangenen drei Jahren haben wir mehr Reformen umgesetzt als in den 30 Jah- ren zuvor.

Sie sind seit 2014 Bürgermeister der Hauptstadt Kiew. Was sind Ihre Ziele?

Meine Mission ist es, verschiedene Events in die Ukraine zu holen, egal ob politische, kulturelle oder sportliche. Es war grossartig, letztes Jahr den Eurovision Songcontest in Kiew durchzuführen. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Europa. Und dieses Jahr sind wir Gastgeber des Champions-League-Finals, das macht mich glücklich. Veränderung muss aus dem Herz des Landes, der Hauptstadt, kommen. Ich möchte alle Schweizer nach Kiew einladen, um sich selbst von der Schönheit der Stadt zu überzeugen. Sie werden positiv überrascht sein, das verspreche ich Ihnen!

Soll Ihr Bruder Ihnen künftig im politischen Kampf beistehen?

Er ist übrigens auch hier, sagt aber immer, dass er nicht in die Politik will. Ich bin trotzdem froh über seine Hilfe. Er macht oft Werbung für mich. Auf Wahlveranstaltungen sagt er gerne: «Ich gebe meine Stimme Herrn Klitschko, weil ich ihm vertrauen kann.» (lacht) Und er schafft es, viele Geschäftsleute nach Kiew zu locken.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Ihrem Bruder. Wie schwer war es, ihn im Ring kämpfen zu sehen.

Es war viel schlimmer, neben dem Ring zu stehen, als selber Schläge einstecken zu müssen. Ich bin sein grosser Bruder, wenn er attackiert wird, will ich sofort in den Ring steigen und ihn verteidigen.

Mittlerweile lehrt er an der HSG in St. Gallen. Was hat er Ihnen darüber erzählt?

Er geniesst die Zeit in der Schweiz und ich denke, auch die HSG profitiert von seinem Engagement. Er weiss, wie man Ziele erreicht, und er hat viel auf allerhöchstem sportlichem Niveau erlebt. Ich freue mich, dass er seine Lebenserfahrung weitergibt. Wie ich gehört habe, wollen viele Studierende in seinen Kurs.

Sie waren wie er Boxchampion, jetzt sind Sie Politiker. Was stört Sie am meisten an der Politik?

Die Populisten! Wenn im Sport jemand eine grosse Klappe hat, muss er das spä-ter im Ring oder auf dem Spielfeld beweisen. Populisten quatschen viel, leisten aber nichts.

Was ist härter? Die Kämpfe in der Politik oder im Ring?

Politik ist gefährlicher als jeder Boxkampf. Als Boxer bin ich dreimal im Jahr angetreten. In der Politik kämpfe ich 365 Tage im Jahr. Es ist wie im Ring, ich bekomme dann immer einen Adrenalinschub.

Wann sagen Sie sich: Das war mein letzter Kampf?

Wenn die Ukraine Teil der europäischen Familie geworden ist. Ich brauche die Politik nicht, aber es gibt ein schönes Sprichwort: «Willst du es gut machen, musst du es selbst machen.» Jahrzehntelang haben wir nur Märchen von unseren Politikern gehört, deshalb bin selber angetreten.

Sie scheiterten allerdings, als es um das Präsidentenamt ging. Bleibt das Amt ein Ziel von Ihnen?

Da denke ich wie in meiner Zeit als Boxer, step by step. Erst will ich Kiew zu einer florierenden europäischen Hauptstadt machen. Danach beschäftige ich mich mit anderen Zielen.

Der Sport bleibt trotzdem ein wichtiger Teil Ihres Lebens.

Ich trainiere jeden Tag, ich kann nicht anders. Um 6 Uhr morgens gehe ich ins Fitnessstudio, hebe Gewichte, renne auf dem Laufband oder steige aufs Fahrrad. Um 9 Uhr geht es ins Büro.

Kein Boxen?

Nur selten. Aber wenn ich von der Politik gestresst bin, verdresche ich einen Sandsack (lacht).

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