Gegen den Mann wurde bereits früher in Berlin wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt - allerdings ohne Ergebnis. Medienberichten zufolge hat der Verdächtige ein langes Vorstrafenregister: Er soll bereits in Italien und Tunesien zu langen Haftstrafen verurteilt worden sei.

Die Bundesanwaltschaft rief die Bevölkerung zur Mithilfe auf und setzte 100'000 Euro Belohnung aus. Das Schreiben dazu wurde auch auf Arabisch, Dari, Farsi und Urdu veröffentlicht.

Zugleich mahnte sie zur Vorsicht, da der Mann bewaffnet sein könnte. Nach Amri wird in ganz Europa gefahndet. Seine Duldungspapiere wurden in dem Lastwagen gefunden, der am Montagabend auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren war. Zwölf Menschen wurden getötet, rund 50 teils lebensbedrohlich verletzt.

Ein zunächst festgenommener Pakistaner kam wieder frei. Er ist aber nicht in seiner Flüchtlingsunterkunft wieder aufgetaucht. Seine Familie in Pakistan scheint den Kontakt mit ihm verloren zu haben, berichtet eine pakistanische Zeitung. Sein Telefon ist offenbar ausgeschaltet. Die Bundesanwaltschaft konnte dazu noch nicht erreicht werden.

Der nun gesuchte Tunesier war n einer Asylbewerberunterkunft in Nordrhein-Westfalen gemeldet, laut "Spiegel Online" in Emmerich bei Kleve. Nach Angaben der NRW-Landesregierung war er 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist und verwendete mehrere Identitäten. Seit Februar hielt er sich demnach vor allem in Berlin auf.

Verdächtiger wurde überwacht

Dort wurde Amri nach Hinweisen von Bundesbehörden von März bis September dieses Jahres überwacht, wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte. Es habe Informationen gegeben, wonach der in Nordrhein-Westfalen als islamistischer Gefährder geführte Verdächtige einen Einbruch plane, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen - "möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", hiess es.

Die Observierung und Überwachung der Kommunikation sei sogar verlängert worden, habe aber keine Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt erbracht, erklärte die oberste Berliner Ermittlungsbehörde.

Es habe lediglich Hinweise gegeben, dass Amri als Drogendealer tätig und an einer körperlichen Auseinandersetzung, vermutlich in der Dealerszene, beteiligt gewesen sein könnte. Deshalb sei die Überwachung im September beendet worden.

Die Sicherheitsbehörden tauschten nach Worten des Innenministers von Nordrhein-Westfalens, Ralf Jäger, ihre Erkenntnisse über Amri im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum aus, zuletzt im November 2016.

Laut "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR tauchte er im Dezember jedoch unter. Demnach hatte er Kontakte zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Predigers Abu Walaa, den Jäger früher einmal als "Chefideologen" der Salafisten in Deutschland eingestuft hatte.

Die US-Zeitung New York Times berichtet indessen Anis Amri habe sich im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert und direkten Kontakt zum IS gehabt haben. Die Zeitung bezieht sich auf nicht näher genannte amerikanische Offizielle. Anis Amri habe zudem auf der Flugverbots-Liste der USA gestanden.

Als Asylbewerber abgelehnt

Amri wurde bereits im Juni als Asylbewerber abgelehnt, wie Jäger erklärte. "Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte." Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele.

Die für die Abschiebung wichtigen tunesischen Ersatzpapiere seien erst an diesem Mittwoch bei den deutschen Behörden eingetroffen, sagte der Minister.

In Tunesien verhörten Ermittler nach einem Bericht der Zeitung "Al-Chourouk" die Familie des möglichen Attentäters in der nordöstlichen Provinz Kairouan, einer Salafisten-Hochburg.

Die Familie habe ausgesagt, dass sie keinen steten Kontakt mit Amri hatte, seitdem er das Haus Ende 2010 verlassen habe. Sein Vater sagte dem tunesischen Sender Mosaique FM, Anis Amri habe Tunesien vor rund sieben Jahren verlassen. Dem Bericht zufolge wurde er in Abwesenheit wegen Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Vorstrafen

Nach dem Anschlag in Berlin führten die tunesischen Behörden laut "Welt" Ermittlungen zu Amri und seiner Familie durch. Ersten Erkenntnissen zufolge habe er 2010 einen Lastwagen gestohlen und sei daraufhin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.

2011 kam er als Flüchtling nach Italien, wie die dortige Nachrichtenagentur Ansa berichtete, und wurde in einem Auffanglager auf Sizilien untergebracht. Weil er Sachbeschädigungen und "diverse Straftaten" beging, kam er in Palermo vier Jahre ins Gefängnis.

Nach Informationen der Zeitung " Die Welt" wurde er wegen Gewalttaten, Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahls verurteilt. Mithäftlinge hätten ihn als gewalttätig beschrieben.

Im Frühjahr 2015 wurde Amri laut Ansa entlassen, konnte wegen Problemen mit den tunesischen Behörden aber nicht ausgewiesen werden. Er sei dann nach Deutschland weitergereist.

Fingerabdrücke

Den italienischen Behörden liegen nach Information der "Welt" Fingerabdrücke von Amri vor. Sie könnten dabei helfen, offene Fragen zum Tathergang in Berlin zu klären. So liesse sich durch Vergleiche mit Fingerabdrücken am Lkw und Tatort möglicherweise eindeutig feststellen, ob Amri am Steuer des Sattelschleppers sass. Bislang ist das nicht erwiesen.

Unklar ist auch, ob die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wirklich hinter dem Anschlag steht. Sie hat den Angriff für sich reklamiert.

Derweil hat die Polizei ihre Tatortarbeit auf dem Breitscheidplatz abgeschlossen und ihn offiziell wieder freigegeben. Der nach dem Anschlag geschlossene Weihnachtsmarkt zu Füssen der Gedächtniskirche soll am Donnerstag wieder öffnen. Um 11.00 Uhr soll es in der Kirche zudem eine Andacht geben. Überall in Deutschland wurden die Sicherheitsmassnahmen an Weihnachtsmärkten verstärkt.