Herr Tunger, beim Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» wollten sich die Attentäter mutmasslich für die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen rächen. Warum ist es im Islam verboten, den Propheten Mohammed abzubilden?

Andreas Tunger-Zanetti: Ein solches Verbot gibt es nicht. Auch muslimische Künstler zeichnen den Propheten, einfach ohne Gesichtszüge. Man scheut sich davor, lebendige Wesen realistisch darzustellen. Man will nicht mit dem Schöpfer in Konkurrenz treten.

Warum löste «Charlie Hebdo» mit seinen Zeichnungen dann so heftige Reaktionen aus?

Der Prophet Mohammed hat eine Vorbildfunktion. Keine Religionsgemeinschaft sieht es gern, wenn ihr Vorbild verspottet und durch den Dreck gezogen wird. Das ist für jeden gläubigen Menschen, unabhängig von der Religion, schwer zu ertragen.

Andreas Tunger-Zanetti ist Islamwissenschafter und seit 2007 Koordinator des Zentrums für Religionsforschung an der Universität Luzern. Von 1999 bis 2006 arbeitete er für die Auslandredaktion der «Neuen Luzerner Zeitung».

Andreas Tunger-Zanetti ist Islamwissenschafter und seit 2007 Koordinator des Zentrums für Religionsforschung an der Universität Luzern. Von 1999 bis 2006 arbeitete er für die Auslandredaktion der «Neuen Luzerner Zeitung».

Im Nachgang zu islamistischen Terroranschlägen heisst es fast immer, die Täter würden nicht den «wahren Islam» vertreten. Was ist unter einem wahren Islam zu verstehen?

Religion ist immer das, was die Leute daraus machen. Die Palette der Auslegungen des Islams ist breit. Ohne diese Anpassungsfähigkeit hätte er sich nicht bis nach China und Schwarzafrika ausgebreitet.

In der Bevölkerung ist – ob zu Recht oder Unrecht – der Eindruck weit verbreitet, dass der überwiegende Teil religiös motivierter Gewalt von Muslimen ausgeht. Stimmt das?

Ich bin kein Konfliktforscher. Es gibt aber etliche Orte auf der Welt, wo religiös motivierte Gewalt verübt, jedoch viel weniger stark wahrgenommen wird. Ich denke da an Sri Lanka, wo neuerdings nationalistische buddhistische Mönche zu Angriffen gegen Hindus, Christen und Muslime anstacheln. In vielen Konflikten wirkt die Religion nur als Brandbeschleuniger. Der Palästina-Konflikt ist zum Beispiel in seinen Wurzeln eine Auseinandersetzung um Land, angeheizt durch Islamisten auf der einen und orthodoxe Siedler auf der anderen Seite.

Was unterscheidet gewöhnliche Muslime von Islamisten, Salafisten und Dschihadisten?

Ein Muslim ist per Definition jemand, der sich das Glaubensbekenntnis des Islams zu eigen macht: «Es gibt keine Gottheit ausser Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes.»

Was ist ein Islamist?

Ein Islamist versteht den Islam als politisches Projekt und möchte die Gesellschaft nach islamischen Grundsätzen gestalten. Das kann ganz verschieden aussehen: Der eine will Veränderung erreichen, indem er Menschen in seiner Umgebung überzeugt. Der andere will gleich die Regierung stürzen.

Ein Salafist?

Salafisten wollen einen Islam, wie ihn die ersten drei Generationen nach der Begründung der Religion im 7. Jahrhundert praktizierten. Aber längst nicht jeder Salafist ist auch ein Dschihadist.

Was ist ein Dschihadist?

Einer, der bereit ist, zur Waffe zu greifen. Der Kampf gegen den Feind gilt in der islamischen Tradition als der sogenannte «kleine» Dschihad» und unterliegt strikten Bedingungen. Als wichtiger gilt der «grosse» Dschihad, der innere Kampf gegen unlautere Gelüste.

Wie verbreitet ist islamistisches Gedankengut in der Schweiz?

Die Zahl der gewaltbereiten Muslime wird vom Staatsschutz als sehr klein eingeschätzt. Ich beschäftige mich in meiner Forschung mit dem Normalfall: Rund jeder sechste Schweizer Muslim praktiziert seine Religion regelmässig, zwei Drittel tun es gelegentlich, der Rest gar nicht. Selbst unter den Praktizierenden folgt nur ein Teil einer engen Auslegung der islamischen Tradition und dies völlig ohne Gewaltbereitschaft. Die Gelegenheitsmuslime fasten vielleicht während zweier der vier Ramadan-Wochen und wünschen sich einen muslimischen Schwiegersohn – wenn es dann anders kommt, geht die Welt für sie aber auch nicht unter.

Wo stehen die offiziellen Islamverbände?

Ich finde die Reaktionen der Verbände im Fall von «Charlie Hebdo» sehr deutlich. Niemand drückt sich vor einer klaren Meinung, niemand eiert herum. Muslime und Nicht-Muslime sind alle entsetzt und sagen, die Tat sei durch nichts zu rechtfertigen.

Und der umstrittene Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS)?

Der IZRS hat salafistische Grundzüge, ordnet seine Tätigkeit jedoch ganz klar dem Schweizer Recht unter. Der Anspruch, Zentralrat zu sein, ist bei 43 Aktiv- und etwas mehr als 3200 Passivmitgliedern wohl mehr Wunsch als Tatsache.

Wie kann die Politik junge Menschen davor bewahren, dass sie in den radikalen Islam abrutschen?

Am wichtigsten ist wohl die Erkenntnis, dass auch wenig religiöse Menschen sich innerhalb von kurzer Zeit radikalisieren können. Daher wäre es falsch, wenn sich die Politik zu stark auf praktizierende Muslime konzentriert. Mit anderen Worten: Es ist wichtig, dass alle jungen Secondos weiterhin Jobs und Perspektiven haben. Ebenso wichtig ist es, dass nicht pauschalisiert und diskriminiert wird. Das Minarettverbot etwa empfanden viele nicht praktizierende Muslime als Zeichen gegen ihre Religion. Die Diskussion um das Burkaverbot geht in eine ähnliche Richtung. Die Politik hat da eine grosse Verantwortung.