Es schien ein sorgfältig einstudiertes Theaterstück zu sein, welches die 28 Staats- und Regierungschefs der EU-Länder in Brüssel aufführten: Alle sind sicher, dass Grossbritannien und die EU eine Einigung finden werden über eine Liste von Sonderwünschen aus London. Doch keiner will das zu laut sagen. Vielmehr betonen alle die Schwierigkeiten, die noch warten – damit am Ende der britische Premierminister als strahlender Sieger nach Hause zurückkehren und die Briten davon überzeugen kann, Mitglied in der Union zu bleiben.

Am besten brachte die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitė die Situation auf den Punkt: «Jeder wird hier sein kleines Drama aufführen, und dann werden wir alle zustimmen.»

So cool wollte der britische Premier sich nicht äussern. Er bemühte sich vielmehr, den Dramafaktor zu erhöhen, «Wir haben wichtige Arbeit zu erledigen heute und morgen, und es wird schwierig», sagte Cameron vor dem entscheidenden Gipfeltreffen.

Der Konservative bediente sich martialischer Worte, um die britischen Stimmbürger seiner Entschlossenheit zu versichern: «Ich werde für Grossbritannien kämpfen.» Nur wenn er einen guten Deal erhalte, werde er Ja sagen.

Bereitwillige Unterstützung erhielt Cameron von EU-Ratspräsident Donald Tusk, der die Verhandlungen auf europäischer Seite geleitet hatte: «Wir stecken mitten in immer noch sehr schwierigen und heiklen Verhandlungen.»

Diese Voten als reines Theater zu deuten, würde indes doch zu kurz greifen. Wie ernsthaft die Verhandlungen geführt werden, bewiesen Belgien und Frankreich. Deren Diplomaten forderten im letzten Augenblick weitere Einschränkungen in dem Kompromisspaket mit Grossbritannien.

Darin geht es um vier Bereiche: Nationale Parlamente sollen ein Veto-Recht gegen EU-Beschlüsse erhalten. Weiter will sich Grossbritannien vor den Folgen der Euro-Integration schützen. Zudem wollen die Briten explizit festhalten, dass das Ziel der immer engeren Union für sie nicht gilt. Schliesslich fordert London eine Kürzung der Sozialgelder für EU-Ausländer in Grossbritannien.

Belgien und Frankreich machen Druck

Das Briten-Paket soll erst in Kraft treten, wenn die Briten bei einer Volksabstimmung dafür gestimmt haben, dass ihr Land Mitglied der EU bleibt. Belgien und Frankreich verlangten nun eine explizite Klausel, das eine zweite Abstimmung ausschliesst. Einige Briten hatten damit spekuliert, die Volksbefragung nötigenfalls zu wiederholen.

Das könnte indes zu einer Protestabstimmung verleiten und den Stimmenanteil der EU-Gegner erhöhen, befürchten Beobachter. Auch Luxemburg zeigte sich als hartnäckiger Verhandler. Das Grossherzogtum wollte im Interesse seiner Banken verhindern, dass der Londoner Finanzplatz Sonderregeln für sich herausholt, welche die Londoner City bevorteilen würde.

Feilschen durch die Nacht

Angesichts der Vielzahl von grösseren und kleineren Knacknüssen deuteten die Gipfelteilnehmer schon am Donnerstag an, die Verhandlungen könnten möglicherweise sogar bis Samstag dauern. Nach einer ersten Diskussion am Donnerstagnachmittag widmeten sich Staats- und Regierungschef der Flüchtlingspolitik. In der Nacht auf Freitag sollen die Treffen weitergehen, sowohl auf Ebene der Staats- und Regierungschefs als auch der Diplomaten. Am Freitagmorgen wollen die Politiker die Verhandlungen weiterführen.