Aus dem ganzen Land waren sie mitten in der Woche nach Washington gepilgert, um ihrem Frust über Rassendiskriminierung und wirtschaftliche Benachteiligung Luft zu machen. 250 000 bis 300 000 Menschen versammelten sich am 28. August 1963 beim Denkmal zu Ehren von Präsident Abraham Lincoln.

Aber nach mehr als sechs Stunden in der Sommerhitze, nach feurigen Reden und mitfühlenden Lieddarbietungen von Grössen wie Bob Dylan waren die Demonstranten erschöpft. Es drängte sie nach Hause. Dabei stand noch ein Redner auf dem Programm: Martin Luther King, ein damals 34-jähriger Geistlicher, der seit dem Busboykott in Montgomery (Alabama) zu den Aushängeschildern der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gehörte.

King war sich seiner Verantwortung bewusst. Ihm oblag es, den bisher friedlichen Charakter des Protestzuges zu bewahren, der im Vorfeld unter den weissen Bewohnern des Grossraums Washingtons Angst vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen ausgelöst hatte. Gleichzeitig wollte King aber auch den Heissspornen in seiner Bewegung Paroli bieten, die der Meinung waren, dass Afroamerikaner lange genug auf ihre rechtliche und politische Gleichberechtigung gewartet hatten. 

(Quelle: YouTube/Martin Luther King)

«I have a dream» – Martin Luther Kings berühmte Ansprache

Die Überlieferung will es, dass King in seinem Hotelzimmer bis in die frühen Morgenstunden des 28. August an seiner Rede gefeilt habe. Historiker sind anderer Meinung: Für den entscheidenden Teil seiner Ansprache, die nun unter dem Titel «I have a dream» einen Ehrenplatz in der Geschichte der Rhetorik einnimmt, hatte King kein Manuskript.

Fernsehaufnahmen des historischen Anlasses beweisen, dass er bloss zwei Drittel der 16 Minuten dauernden Ansprache abliest. Dann löst er sich plötzlich von seinem Text, angespornt durch eine Mischung aus «Vertrauen und Instinkt», wie sich sein Rechtsberater und Freund Clarence Jones später erinnerte. Das Vertrauen galt einer alten Bekannten, der legendären Gospel-Sängerin Mahalia Jackson, die Kings Rede auf einer Tribüne mit Ehrengästen beiwohnte. Sie soll ihm zugerufen haben: «Martin, erzähl’ ihnen über den Traum!»

Zwar ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt, ob King diese Aufforderung wirklich hörte. Tatsache aber ist, dass er auf einmal frei über den amerikanischen Traum und die gewaltfreie Versöhnung zwischen den Rassen zu sprechen begann. King sagte später, er habe instinktiv gefühlt, dass er den Schluss seiner Rede improvisieren müsse. Der Rückgriff auf die Traumsequenz lag dabei nahe: Zwei Wochen vor der Ansprache in Washington hatte King in Detroit (Michigan) vor mehr als 125 000 Menschen über die utopischen Visionen des Propheten Jesaja gesprochen – biblische Überlieferungen, die letztlich der «I have a dream»-Ansprache als Grundlage dienten.

Knapp fünf Minuten dauerte die Passage, die ältere Amerikaner noch heute aus dem Stegreif zitieren können. Martin Luther King endete seine Rede mit einem Zitat aus einer alten Schwarzen-Hymne: «Endlich frei! Endlich frei! Danke allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!»

Selbst das Weisse Haus, wo ein skeptischer Präsident John F. Kennedy die Rede mit seinem Beraterstab am Fernsehen verfolgte, war des Lobes voll. «Er ist verdammt gut», soll Kennedy gesagt haben. Heute wird «I have a dream» häufig als Wendepunkt der Bürgerrechtsbewegung bezeichnet: Dank Martin Luther King hätten selbst bisher unbeteiligte Weisse zur Kenntnis nehmen müssen, dass die fortschreitende Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung in weiten Teilen der USA keine Zukunft habe.

Diese Einschätzung trifft sicherlich zu. Denn für viele Angehörige der amerikanischen Bevölkerungsmehrheit stellte der Auftritt Kings in Washington eine Premiere dar: Erstmals konnten sie sich mit eigenen Augen ein Bild über den Forderungskatalog der Bürgerrechtsbewegung machen. Gekoppelt mit dem Schock, der drei Monate später nach der Ermordung von Präsident Kennedy durch das Land ging, stellte das Jahr 1963 eine wichtige Wegmarke im (anhaltenden) Ringen um die Verwirklichung der Werte dar, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776 festgeschrieben sind.

Vergessen geht geht bei diesem Blick zurück aber häufig, dass sich der «Marsch auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit» – so der offizielle Titel der Demonstration – vor allem um die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Weissen und Schwarzen drehte. So forderten die Hunderttausenden von Menschen nicht nur ein Ende des amerikanischen Apartheid-Systems, sondern auch eine faire Chance für Schwarze auf dem Arbeitsmarkt. Das waren Forderungen, die im Establishment Amerikas auf grosse Skepsis stiessen, Sie haben auch heute, 50 Jahre nach der historischen Rede von Martin Luther King, nicht an Brisanz verloren.