Syrien

Erstmals wachten die Syrer ohne Gefechtslärm auf

Aufatmen in Aleppo: Die Waffenruhe im Bürgerkriegsland Syrien hat den ersten Tag relativ unbeschadet überstanden. (Archiv)

Aufatmen in Aleppo: Die Waffenruhe im Bürgerkriegsland Syrien hat den ersten Tag relativ unbeschadet überstanden. (Archiv)

Die Waffenruhe wackelt – aber sie hält. Sowohl Russland als auch oppositionsnahe Aktivisten melden Verstösse. Doch noch überwiegt die Hoffnung.

Sami ist fassungslos. «Zum ersten Mal seit ungefähr fünf Jahren bin ich ohne Gefechtslärm aufgewacht. Sogar die Vögel hörte ich zwitschern», erzählt der syrische Oppositionsaktivist im Skype-Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Sami lebt in der nördlich von Hama gelegenen Kleinstadt Morek. Sie war noch am Vortag von der russischen Luftwaffe bombardiert worden. Auch das entsetzliche Dröhnen der Kampfjets habe aufgehört. «An die plötzliche Stille muss ich mich noch gewöhnen», freut sich Sami, dessen Familie nach Deutschland geflüchtet ist.

So wie Sami ging es am Wochenende vielen Syrern. Sie konnten es zunächst nicht fassen, dass alle Kampfparteien – mit Ausnahme der Terrororganisationen IS und Nusra-Front – die Waffenruhe befolgten. Zumindest weitgehend. Für den Al-Kaida-Ableger Nusra-Front hat «der Krieg jetzt erst richtig begonnen». «Entweder wir siegen oder sterben als Märtyrer», verkündete Nusra-Chef al-Dscholani, dessen Leute sich in einigen Vororten von Damaskus verschanzt haben. Dort lieferten sie sich ein Artillerieduell mit der syrischen Armee.

Östlich von Homs tötete ein Selbstmordattentäter des IS mindestens zwei Zivilisten und sechs Regierungssoldaten. Im Nordosten von Syrien, in der Grenzstadt Tel Abjad, wehrten die kurdischen Volksverteidigungsmilizen YPG einen Angriff des IS ab. Dabei sollen 45 Terroristen und 20 kurdische Freischärler getötet worden sein. Ein Sprecher der Kurdenmiliz beschuldigte die Türkei, die IS-Kämpfer seien von ihrem Territorium gekommen. Der Vorwurf wurde auch von Russland erhoben, konnte von unparteiischen Beobachtern aber bislang nicht bestätigt werden.

Friedensgespräche ab 7. März

Für den für Syrien verantwortlichen Sondergesandten der UNO, Staffan de Mistura, ist selbst eine nur bedingt eingehaltene Feuerpause «die beste Gelegenheit, die das syrische Volk in den letzten fünf Jahren hatte». Zur Einstellung der Kämpfe sei kein Friedensvertrag erforderlich gewesen, auch keine langen Verhandlungen. Als Termin für die Wiederaufnahme der Genfer Friedensgespräche nannte der maltesische Diplomat den 7. März, falls bis dahin der Waffenstillstand – weitgehend – hält.

Auch die Versorgung der Menschen in den vom Regime und den Rebellen belagerten Städten dürfte sich dann einfacher gestalten. Dort herrsche weiterhin «akute Not», warnte der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Peter Maurer. Er rief die Konfliktparteien dazu auf, auch unabhängig von Feuerpausen Überlebenshilfe durchzulassen. Decken, Lebensmittel und Medikamente müssten die Bedürftigen unbedingt erreichen.

Überwacht wird die Waffenruhe von den USA und Russland. Sie hatten mit massivem Druck auf die Kampfparteien und ihre regionalen Verbündeten auch die Feuerpause durchgesetzt. «Wir haben die Lage auf dem ganzen Territorium Syriens unter Kontrolle», behauptete der russische Generalleutnant Sergei Rudskoi. Sein Land und die USA hätten in den letzten Tagen Kartenmaterial zu den Stellungen einzelner Milizen ausgetauscht. Die russische Armee soll zudem mehr als 50 Drohnen einsetzen. Diese wollen neun Verstösse gegen die Waffenruhe registriert haben. Die syrische Opposition meldete 28 Verletzungen der Feuerpause, darunter vier Bombenangriffe der russischen Luftwaffe in der Provinz Idlib.

In Morek, der Kleinstadt bei Hama, hielt die Waffenruhe auch noch gestern Sonntagabend. «Natürlich vertraut hier niemand der Gegenseite», betont Sami, der Oppositionsaktivist. «Glücklich sind die Menschen aber dennoch. Sie können sich nicht vorstellen, wie total erschöpft und müde wir hier alle sind.»

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