Das Angebot in der Abteilung «Badeanzüge und Strand» fällt unweigerlich auf: Aus dem Bilderreigen mit viel Haut sticht ein einzelnes Kleid heraus, das den ganzen Körper bedeckt – Gesicht, Hände und Füsse ausgenommen.

Ein «Burkini» (Zusammenzug aus Bikini und Burka), zu haben für 62.95 Euro in Blau oder Schwarz. Angeboten wird der Badeanzug für Musliminnen auf der französischen Website der Bekleidungskette Marks&Spencer.

Das Angebot musste in Paris auch sonst auffallen: Zum ersten Mal wird ein solcher Anzug aus dem islamischen Raum von einer grossen Kette in den Verkauf gebracht. Der italienische Anbieter Dolce&Gabbana verkauft schon Abayas (bodenlange Gewänder, die auch die Haare bedecken), die japanische Kette Uniqlo auch Hijab-Kopftücher.

«Religiöse Zeichen» verboten

In England werden die Burkinis von M&S ebenfalls verkauft, geben aber weniger zu reden. Im laizistischen Frankreich ist das öffentliche Tragen «religiöser Zeichen» per Gesetz verboten: Islamische Kopftücher wurden 2004 aus dem öffentlichen Dienst und gewissen Schulen verbannt, die Burka wurde 2010 verboten.

Die scharfe Trennung von öffentlichem und privatem Raum führt regelmässig zu Debatten über geschlechtsgetrennten Schwimmunterricht. Zudem sehen die Franzosen am Fernsehen immer wieder Bilder von Urlaubsstränden in Marokko oder Tunesien, wo die Ganzkörper-Badeanzüge für Frauen immer zahlreicher werden.

Kommt der «Burkini» nun auch nach Frankreich? Das Angebot im Online-Katalog konnte jedenfalls nicht unbemerkt bleiben. So meinte der Pariser Modezar Pierre Bergé, heute noch Leiter der Stiftung Yves Saint-Laurent: «Ich halte das Verhalten dieser Anbieter für schändlich. Man tut so, als wären das normale Kleider. Wenn man so beginnt, wird bald der Markt der Burkas kommen.» Bergé sagte, er sei «sehr in Sorge» für die Freiheit der Frau, die er zusammen mit Saint-Laurent stets vor Augen gehabt habe.

In einer Blitzumfrage der Zeitung «Le Parisien» drehen einige Franzosen das Argument der Freiheit um: Jede Frau solle sich so kleiden können, wie sie wolle. Andererseits fragt eine ältere Französin, die sich über die Burkinis «schockiert» zeigt, ob diese Frauen nicht oft gezwungen würden, «bedeckt» schwimmen zu gehen. Eine junge Muslima meint ihrerseits, dass die Religion Privatsache bleiben müsse, und fügt an: «Ich befürchte, dass diese neue Mode die Clichés über die Musliminnen nur noch verstärkt.»

In den Internetforen machen sich einige über den von Marks&Spencer vertriebenen «Taucheranzug» lustig, während andere warnen: Wenn man in Frankreich solche religiös konnotierte Bekleidung kaufen könne, werde sie bald auch in französischen Schwimmbädern oder Stränden auftauchen.

Modeschöpfer schweigen

Die Pariser Modeschöpfer halten sich bedeckt. Bei grossen Namen wie Gaultier, Lagerfeld oder Castelbajac will man zur Burkini-Frage gar nicht erst Stellung nahmen. Die Pariser Modeschöpferin Agnès B. erklärte allerdings, sie würde nie solche Kleidungsstücke entwerfen, da die Frage «über Mode oder Konsum hinausgeht und die Politik und Religion berührt».