Die Türkei spielt eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen um eine Evakuierung von Zivilisten und Rebellenkämpfern aus der nordsyrischen Stadt Aleppo. Ankara s und bereitet die Aufnahme von mehreren zehntausend Menschen aus der Stadt vor. Dabei geht es nicht nur um humanitäre Motive. Ankara handelt auch aus regionalpolitischem Machtkalkül.

Im nordwestsyrischen Idlib, einer Rebellenhochburg nahe der türkischen Grenze, baut der Türkische Rote Halbmond ein Auffanglager für 10 000 Menschen aus Aleppo; insgesamt will die Türkei Notunterkünfte für 80 000 Flüchtlinge schaffen. Das Engagement des Landes, das bereits 2,7 Millionen Syrer aufgenommen hat, wird weltweit mit grossem Respekt registriert. Der amerikanische Präsident Barack Obama rief seinen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan an, um ihm für die Bemühungen der Türkei um einen Waffenstillstand in Aleppo zu danken.

Ganz selbstlos ist das türkische Handeln aber nicht. Ankara will zumindest einen Teil der aus Aleppo fliehenden Kämpfer an der türkischen Militäroperation «Schild des Euphrat» in Nordsyrien teilnehmen lassen, bei der die Türkei gegen den Islamischen Staat (IS) und die syrischen Kurden vorgeht. Der erste Einsatzort der kampferfahrenen Milizen aus Aleppo unter türkischem Kommando soll die Stadt Al-Bab sein, wie ein Rebellenkommandeur der Nachrichtenagentur Reuters sagte. In Al-Bab, rund 40 Kilometer nordöstlich von Aleppo, rücken türkische Panzerverbände und verbündete Milizen gegen den IS vor.

Erdogan zementiert den türkischen Einfluss im Norden Syriens

Seit dem Beginn der türkischen Militärintervention in Syrien im August haben die türkischen Soldaten und pro-türkische syrische Kämpfer einen rund 80 Kilometer langen Gebietsstreifen auf syrischem Gebiet von Azaz im Westen bis nach Jarablus im Osten erobert. Diese Geländegewinne sollen nicht nur den IS von der türkischen Grenze fernhalten, sondern auch das Autonomiestreben der syrischen Kurden stoppen.

Mit der Evakuierung der Zivilisten und der Rebellen aus Aleppo zementiert Erdogan den türkischen Einfluss im Norden Syriens. Das ist aus türkischer Sicht derzeit besonders wichtig, weil Erdogans Langzeit-Ziel, die Ablösung von Assad, durch die Niederlage der Regimegegner in Aleppo einen empfindlichen Rückschlag erlitten hat. Aleppo werde «zum Friedhof der Hoffnungen und Träume des Schlächters Erdogan», hatte Assad schon im Sommer vorausgesagt.

Kritiker werfen der Türkei vor, selbst zu dieser Niederlage beigetragen zu haben. In den vergangenen Monaten hatte Ankara den Abzug einiger Rebellenverbände aus Aleppo angeordnet, um diese in die Schlacht gegen den IS und die Kurden weiter nördlich zu werfen. Dies «trug zur Schwächung des Aufstandes in Aleppo bei und ermöglichte so den Vormarsch der syrischen Armee», sagte der Journalist Régis Le Sommier dem Nachrichtensender France24.

Der Kampf um Macht und Einfluss in Syrien ist noch nicht vorbei

Mehrmals tauchten in jüngster Zeit Berichte auf, in denen von einer Verständigung zwischen der Türkei und Russland für Nord-Syrien die Rede war. Demnach erklärte sich Moskau mit der türkischen Intervention in Syrien einverstanden, während Ankara sich mit Kritik an der syrisch-russisch-iranischen Offensive in Aleppo zurückhielt. Das tödliche Attentat auf den russischen Botschafter gestern Abend in Ankara könnte einen Rückschlag für die türkisch-russischen Beziehungen bedeuten. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe an der syrischen Grenze im vergangenen Jahr hatten sich die Türkei und Russland wieder angenähert und – soweit es die gegensätzlichen Interessen in Syrien erlauben – zusammengearbeitet.

Die Türkei will sich ein Mitspracherecht bei den Entscheidungen über die Zukunft Syriens sichern. Dabei kollidieren türkische Interessen mit denen des schiitischen Nachbarn Iran – die regierungstreue Presse attackiert Teheran in jüngster Zeit scharf. Unter anderem ist von Schiiten-Milizen die Rede, die sich den Türken im Norden Syriens entgegenstellen. Nach der Schlacht von Aleppo ist der Kampf um Macht und Einfluss in Syrien noch längst nicht vorbei.