Binali Yildirim will am Sonntag für die islamisch-konservative Regierungspartei AKP bei der Wiederholung der Kommunalwahl Bürgermeister von Istanbul werden. Staatschef Recep Tayyip Erdogan schickte den 63-jährigen früheren Premierminister ins Rennen um das Istanbuler Rathaus. Er braucht ein starkes Zugpferd. Denn in Wirklichkeit geht es bei der Bürgermeisterwahl um seine, Erdogans, politische Zukunft. «Wer Istanbul gewinnt, gewinnt die Türkei», hatte Erdogan schon vor dem ersten Durchgang am 31. März erklärt. Der Umkehrschluss lautet: Wer Istanbul verliert, verliert womöglich auch die Türkei.

Dazu wäre es Ende März fast gekommen: Mit einem hauchdünnen Vorsprung von knapp 14 000 der 8,9 Millionen abgegebenen Stimmen gewann der Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu die Kommunalwahl. 18 Tage lang amtierte er als Bürgermeister. Dann erkannte ihm die Wahlbehörde auf massiven Druck Erdogans das Amt wieder ab und ordnete wegen angeblicher «Unregelmässigkeiten» eine Wiederholung der Wahl an.

Am Sonntagabend trafen beide Kandidaten in einem TV-Duell aufeinander. Yildirim beklagte sich, man habe ihm den Wahlsieg «gestohlen». Imamoglu konterte, er sei im ersten Wahlgang zum Bürgermeister gewählt worden und dann um seine Rechte betrogen worden. Er bezeichnete die Abstimmung am Sonntag als «Kampf für die Demokratie gegen jene, die unsere Rechte und die der 16 Millionen Istanbuler verletzt haben». Imamoglu versprach eine «saubere Stadtverwaltung» – eine Anspielung auf angebliche finanzielle Unregelmässigkeiten unter den AKP-Bürgermeistern. Der 49-jährige Oppositionskandidat wirkte in der TV-Debatte dynamischer als der behäbig auftretende Ex-Premier Yildirim. Einen eindeutigen Sieger gab es aber bei dem Duell nicht.

Kurden könnten entscheidend sein

Auch der Ausgang der Abstimmung am Sonntag ist offen. In einer Umfrage des Forschungsunternehmens Sonar in der vergangenen Woche liegt Imamoglu sechs Prozentpunkte vorn. In einer anderen Erhebung des Instituts ORC führt Yildirim knapp. Den Ausschlag könnten auch diesmal die Stimmen jener Wählergruppe geben, die schon in der ersten Runde Imamoglu zu seinem knappen Sieg verhalf: die Kurden. Etwa 1,5 Millionen der zehn Millionen Wahlberechtigten in Istanbul sind ethnische Kurden. 413 000 von ihnen stimmten bei der Kommunalwahl von 2014 für den Kandidaten der prokurdischen Partei HDP. Sie verzichtet bei dieser Kommunalwahl auf einen eigenen Bewerber und unterstützt Imamoglu.

Dass die kurdischen Wähler am Sonntag in Istanbul über Sieg oder Niederlage entscheiden, hat inzwischen auch Binali Yildirim erkannt. Er flog deshalb jetzt zum Zuckerfest, mit dem der Fastenmonat Ramadan zu Ende geht, in die Kurdenmetropole Diyarbakir. Eine Kundgebung für die Istanbuler Kommunalwahl 1300 Kilometer östlich des Bosporus – das klingt absurd. Aber Yildirim will nichts versäumen. Er versuchte, sich beim Publikum mit einigen auswendig gelernten kurdischen Worten einzuschmeicheln, und gebrauchte sogar ein Wort, das in Ankara ein Tabu ist: Kurdistan.

Ob die Anbiederung den erhofften Erfolg hat, ist aber zweifelhaft. Seit Erdogan 2015 den zwei Jahre zuvor eingeleiteten Friedensprozess für gescheitert erklärte, wurden Zehntausende Anhänger und Funktionäre der HDP festgenommen. Fast die gesamte frühere Parteispitze sitzt hinter Gittern. Die HDP stehe auch im zweiten Wahlgang hinter Imamoglu, versichert die Parteivorsitzende Pervin Buldan. Sie rechnet mit einem «grossen Sieg» für den Oppositionskandidaten.

Es geht bei dieser Wahl um viel mehr als das Rathaus der Bosporusmetropole. In Istanbul schlägt das Herz der Türkei. Hier werden zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. Keine türkische Stadt hat einen so grossen Etat wie Istanbul. Seit 25 Jahren kontrollierten die AKP und ihre islamistischen Vorläuferparteien das Budget. Die Erdogan-Partei versorgte ihre Anhänger mit gut dotierten Jobs, schanzte befreundeten Unternehmern lukrative Aufträge zu, baute ihre Seilschaften aus. Insider sprechen von einer «Kette der Glückseligkeit».

Wahlkampf unter der Gürtellinie

Auch AKP-nahe Stiftungen wurden in der Vergangenheit mit Millionenbeträgen aus der Stadtkasse gefördert. Dazu gehört die Jugendstiftung Tügva, in deren Verwaltungsrat der Erdogan-Sohn Bilal sitzt. Auch die Bildungs-Stiftung Türgev kassierte. In ihrem Aufsichtsgremium sitzt Erdogans Tochter Esra, die Gattin von Finanzminister Berat Albayrak.

Im Wahlkampf zieht Erdogan alle Register. Der Staatschef verpasst seinem Gegner Imamoglu auch Schläge unter die Gürtellinie. «Das hier ist Istanbul, nicht Konstantinopel», rief Erdogan jetzt seinen Anhängern auf einer Kundgebung zu. Konstantinopel, so nennen die Griechen die Stadt am Bosporus. Es gebe Leute, die wollten, dass Istanbul wieder Konstantinopel heisst, sagte Erdogan – «sie müssen gestoppt werden!» Der Staatschef nannte keinen Namen, aber es war klar: Er meinte Imamoglu. Der stammt aus Trabzon am Schwarzen Meer, von wo nach dem Ersten Weltkrieg Hunderttausende ethnische Griechen vertrieben wurden. Systematisch schürt die AKP jetzt Gerüchte, wonach Imamoglu ein Krypto-Grieche und verkappter Christ sei, also ein Ungläubiger und Feind der Türken.

Staatschef nicht unschlagbar

Erdogan pokert hoch. Nachdem er das Ergebnis der Kommunalwahl annullieren liess und eine Wiederholung veranlasste, geht es bei der Abstimmung am kommenden Sonntag in den Augen der Opposition um nicht weniger als eine Entscheidungsschlacht für das politische System der Türkei. Zur Wahl steht Erdogans Ein-Mann-Herrschaft gegen die pluralistische Demokratie.

Für Erdogan, der seinen politischen Aufstieg 1994 als Bürgermeister in Istanbul begann, wäre der Verlust der Stadt eine symbolträchtige Niederlage. Seit 16 Jahren regiert er die Türkei. Seine AKP hat sechs Parlamentswahlen, vier Kommunalwahlen und drei Volksabstimmungen gewonnen. Erdogan gewann ausserdem zwei Präsidentenwahlen. Noch nie hat er verloren. Am 31. März erlebte er ausgerechnet in Istanbul die erste Niederlage. Kann er auch im zweiten Durchgang seine Heimatstadt nicht zurückgewinnen, wäre der Nimbus des ewigen Siegers zerstört. Dann hätte die Opposition bewiesen: Auch Erdogan ist nicht unschlagbar.