Türkei

Erdogan geht im Westen auf Schmusekurs

Recep Tayyip Erdogan will die Beziehung zum Westen verbessern.

Recep Tayyip Erdogan will die Beziehung zum Westen verbessern.

Nach Beleidigungen und Nazi-Vergleichen bemüht sich der türkische Staatspräsident Erdogan um Entspannung.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan besucht am Freitag den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Paris. Tags darauf begrüsst der deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel in seinem Heimatort Goslar seinen türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu zu einem privaten Besuch. Die Reisen zeigen: Die türkische Regierung versucht, zerschlagenes Porzellan zu kitten.

26 Länder hat Erdogan im vergangenen Jahr besucht, 144'000 Flugkilometer zurückgelegt. Meist gingen die Reisen nach Osten. Allein vier Mal besuchte Erdogan Russland. Aber in jüngster Zeit fliegt er wieder häufiger nach Westen. Das signalisiert eine Kurskorrektur in Erdogans Aussenpolitik.

2017 markierte einen nie da gewesenen Tiefpunkt in den Beziehungen der Türkei zum Westen. Die Europäer überzog Erdogan mit Faschismus-Tiraden, auch Kanzlerin Angela Merkel persönlich warf er «Nazi-Methoden» vor. Europa, so zeterte Erdogan, sei «ein verrotteter Kontinent», bevölkert von «Nazi-Überbleibseln». In Rage geriet Erdogan vor allem, weil die Regierungen in Berlin, Den Haag und Brüssel sich weigerten, ihm und seinen Ministern Propaganda-Auftritte vor dem Verfassungsreferendum zu erlauben. Im Verhältnis zu Deutschland sorgte Erdogan mit den Festnahmen deutscher Staatsbürger für zusätzliche Spannungen.

«Alte Freunde» in Deutschland

Jetzt scheint es, als wolle Erdogan diese Ära hinter sich lassen. «Wir haben keine Probleme mit Deutschland, den Niederlanden oder Belgien», erklärte er kurz vor dem Jahreswechsel überraschten Journalisten auf dem Rückflug von einer Afrika-Reise. «Im Gegenteil, jene, die diese Länder regieren, sind alte Freunde von mir.» Besonders hob Erdogan seine «sehr guten Beziehungen» zu Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hervor.

Nachdem der türkische Präsident bereits im Dezember nach Griechenland reiste, besucht er nun als zweites EU-Land in kurzer Zeit Frankreich. Präsident Macron steht ohnehin in häufigem Kontakt mit Erdogan — in jüngster Zeit telefonieren die beiden häufig, vor allem wegen des von US-Präsident Donald Trump entfachten Jerusalem-Streits, des gemeinsamen Kampfs gegen den Terror und wegen der Entwicklungen im Irak, Iran und in Syrien.

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin beschwor vor dem Besuch die «sechs Jahrhunderte alten Beziehungen» zwischen der Türkei und Frankreich und kündigte einen «engen Dialog» mit Paris an. Heute ist Frankreich der fünftgrösste Absatzmarkt für die türkischen Exporteure und zugleich ein wichtiger ausländischer Investor in der Türkei sowie ein bedeutender Lieferant von Rüstungsgütern.

In Paris hiess es, die Situation der Menschenrechte in der Türkei werde bei dem Treffen der beiden Präsidenten am Freitag zur Sprache kommen. Es wäre auch keine Überraschung, wenn Macron stellvertretend für Merkel den Fall des seit fast einem Jahr inhaftierten «Welt»-Korrespondenten Deniz Yücel anspricht. Nach der Freilassung mehrerer Deutscher, wie der Journalistin Mesale Tolu und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, hofft die Bundesregierung auf Bewegung im Fall Yücel. Auch in Ankara scheint man erkannt zu haben, dass sich die Türkei auf die Dauer keine politische Eiszeit mit Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner und einem der grössten ausländischen Investoren, leisten kann.

Auch Erdogan will seine Suche nach neuen Freunden fortsetzen. Er liess gegenüber Reportern bereits durchblicken, dass weitere Europa-Reisen in der Planung sind: Zum Vatikan, nach Holland – und möglicherweise sogar nach Deutschland.

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