Herr Haslinger, es gibt widersprüchliche Informationen über die Stärke des Erdbebens vor der Küste Japans. Wie stark war das Beben Ihren Informationen zufolge?

Florian Haslinger: 8,9 auf der Richterskala scheinen sich zu bestätigen.

Gab es Anzeichen, dass es in der Region zu einem solch schweren Erdbeben kommen würde?

Haslinger: Vor zwei Tagen hatten wir im Japan-Graben eine erste, starke tektonische Verschiebung. Diese verursachte ein Beben der Stärke 7,2 auf der Richterskala. Danach kam es zu einer ganzen Reihe von Beben der Stärke fünf und sechs. Im Nachhinein war das Beben von 7,2 der Vorbote des heutigen Hauptbebens.

Warum ist es so schwierig ein Erdbeben vorherzusagen?

Haslinger: Wir sind technisch nicht in der Lage mit unseren Sensoren in 30 Kilometer Tiefe seriöse Messungen durchzuführen. Ausserdem ist es schwierig genau zu bestimmen, wie viel Spannungsenergie in einer Störungszone zu einem bestimmten Zeitpunkt steckt. Grundsätzlich können wir keine einzelnen Erdbeben vorhersagen, selbst nicht wenn es ein Vorbeben gibt. Man kann nur sehr schnell nach einem Beben aus den ersten Signalen, die noch nicht zerstörerisch sind, abschätzen wie gross die Erschütterungen durch dieses Beben werden, und dadurch eine Frühwarnung mit einigen Sekunden bis im Optimalfall 1-2 Minuten Vorwarnzeit ausgeben.

Sie sprechen vom Japan-Graben. Weshalb verursacht dieser Graben so starke Erdbeben?

Haslinger: Am Japan-Graben treffen zwei tektonische Platten - die eurasische und die pazifische Platte - aufeinander (siehe Grafik). Es handelt sich um zwei grosse und kraftvolle Platten, die sich pro Jahr um einige Zentimeter gegeneinander verschieben. Diese Bewegungen führen zu Spannungen am Japan-Graben und können letztlich Erdbeben auslösen.

Neben dem Japan-Graben bedroht auch die Sankt-Andreas-Störung im Westen der USA die kalifornischen Grossstädte. Welche Kraft könnte ein Erdbeben in dieser Region haben?

Haslinger: Die Sankt-Andreas-Störung verläuft im Landesinneren parallel zur Küste und geht im Norden in den pazifischen Ozean hinein. Die Störung ist jedoch im Vergleich zum Graben vor Vancouver keine Subduktionszone. Deshalb ist vor der kalifornischen Küste im «Worst-Case-Fall» mit einem Beben von 8.0 auf der Richterskala zu rechnen.

Und dieses Beben bedroht die Grossstädte San Francisco und Los Angeles?

Haslinger: Ja. Wir wissen aber nicht, wann es dazu kommen wird.

Zurück zum Erdbeben in Japan. Das grösste Problem scheint der Tsunami zu sein. Wieso ist der Tsunami so stark?

Haslinger: Das Epizentrum des Bebens in Japan war mit 24 Kilometern nicht sehr tief. Das erklärt auch, warum der Tsunami derart stark ist. In einem Bereich von bis zu 30 Kilometern Tiefe sprechen wir von Beben näher an der Erdoberfläche. Weil das Beben aber knapp 100 Kilometer von der Küste entfernt war, werden die Schäden an Gebäuden - ich rede hier von Schäden durch die Erschütterungen und nicht durch den Tsunami - zwar teilweise schwer sein, aber weniger katastrophal als die Folgen des Tsunami sein.

Welche Länder wird der Tsunami treffen?

Haslinger: Hauptsächlich Südostasien. Aber auch die russische Küste ist betroffen und Tsunami-Wellen werden auch an der Westküste Nord- und Südamerikas eintreffen.

Das Erdbeben in Japan (siehe roter Kreis) hat zu einem Tsunami geführt. Dieser bewegt sich laut einem Experten auf Südostasien, Russland und die USA zu (siehe rote Pfeile).

Der Tsunami bedroht diese Regionen

Das Erdbeben in Japan (siehe roter Kreis) hat zu einem Tsunami geführt. Dieser bewegt sich laut einem Experten auf Südostasien, Russland und die USA zu (siehe rote Pfeile).

Kann die Flutwelle auch die US-Westküste erreichen?

Haslinger: Ich würde das erwarten. Dabei kann es zu Wellen von einigen Metern kommen, die durchaus beträchtlichen Schaden anrichten könnten.

Wie weit muss die Bevölkerung ins Landesinnere evakuiert werden, um vor dem Tsunami in Sicherheit zu sein?

Haslinger: Das ist von den topographischen Gegebenheiten der Region abhängig. Je nachdem wie flach oder steil der Küstenverlauf ist, sowohl noch im Meer als auch dann an Land.

Welche Zerstörungskraft hat ein Tsunami?

Haslinger: Wir wissen, dass grössere Schiffe von der Flutwelle hunderte von Metern weit auf das Festland hineingetragen werden können. Darüber hinaus können auch Gebäude einem hohen Tsunami nicht standhalten.

Könnte es auch in der Schweiz zu solch einem schweren Erdbeben kommen?

Haslinger: Nein. Das bisher schwerste Beben traf die Schweiz 1356 mit 6,6 auf der Richterskala. Im Raum Basel könnte es im schlimmsten Fall zu einem Beben der Stärke sieben kommen.